Duncan Hamilton, Gentleman Driver

Es ist nicht leicht über Duncan Hamilton zu schreiben, denn den besten Text hat er bereits selbst verfasst – mit “Touch Wood”, seiner unglaublich lustigen Autobiografie”, die weit mehr als sein eigenes Leben umfasst.

Vieles in den Buch ist Duncan Hamilton jedoch selbst passiert – und es ist nicht leicht, aus der 160 Seiten umfassenden Sammlung wunderbarer Anekdoten und Reflektionen über seine Zeitgenossen einige repräsentative Geschichten auszuwählen. So bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als das Zufallsprinzip walten zu lassen. Beim Blättern stoßen wir auf die schöne Geschichte, als Hamilton in der Cromwell Road wegen einer dramatischen Geschwindigkeitsübertretung gestoppt wurde, obwohl er doch gerade auf dem Weg zur Aufzeichnung einer Fernsehsendung über Sicherheit im Straßenverkehr war. Oder die Episode, als ein gleichnamiger Zeitungsreporter in einem Verkehrsunfall ums Leben kam und Hamiltons Frau gleich mehrere Beileidsbekundungen erhielt, auf die ihr äußerst lebendiger Mann wiederum kleine Dankesbriefe aud dem vermeintlichen Jenseits versendete – mit dem vielsagen Gruß “Ich freue mich, Dich bald wiederzusehen!”

“Drunken Duncan”

“Drunken Duncan”, wie er vielleicht zu unrecht genannt wurde, ließ sich die Freuden des Lebens nie durch eine ernsthafte Rennkariere verderben. Und doch waren seine Fähigkeiten, die er als Gentleman Racer hinter dem Steuer bewieß, ganz außerordentlich. Der große argentinische Rennfahrer Froilan Gonzales ließ sich sogar einmal zu dem Kompliment hinreißen, bei Regen sei Hamilton der schnellste Fahrer der Welt. Und man munkelte, Hamilton sein nur einer der erfolgreichsten Jaguar-Werksfahrer der 1950er Jahre geworden, weil ihn das Leben der Nachkriegszeit maßlos gelangweilt habe. Kein Wunder, war er doch im Zweiten Weltkrieg als Pilot der Royal Navy dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen.

Seine Karriere im Motorsport begann Duncan Hamilton bei Sprint-Rennen und Hillclimbs in einem MG R-Type – jenem Auto, das er einmal in einem LKW zu den Brighton Speed Trials transportierte: Als er bei Guildford einen Hügel hinabfuhr, entdeckte er den Kühlergrill eines Bugattis im Außenspiegel. Also fuhr er nach rechts und winkte den kostbaren Rennwagen vorbei. Doch der Bugatti wollte zunächst nicht überholen und gewann nur langsam an Geschwindigkeit. Als der irgendwann auf Höhe der Fahrerkabine angelangt war, sah Hamilton mit Schrecken, das niemand am Steuer des Bugatti saß! “Nun dämmerte mir langsam die furchtbare Erkenntnis”, erinnerte sich Hamilton. “Es war mein eigenes Auto, das neben mir immer mehr an Geschwindigkeit gewann!” Er hatte vergessen, das er neben dem MG auch noch einen Bugatti 35B am Abschleppseil transportierte. Die Geschichte endete mit einer abrasierten Straßenlaterne.

Die Era Ära

Abgesehen von MG und dem Bugatti T35 lenkte Hamilton unter anderem auch den berühmten ERA “Remus”, einen Grand-Prix-Maserati und einen Talbot-Lago. Doch der größte Triumph seiner Karriere, die 18 Weltmeisterschaftsrennen und 18 weitere Formel-1-Rennen umfasste, war sicherlich der Sieg von 1953 bei den 24 Stunden von Le Mans zusammen mit seinem Co-Piloten Tony Rolt. Rolts würdevolles Auftreten war das perfekte Gegengewicht zu “Drunken Duncans” lustigen Anekdoten – doch seine Kriegsgeschichten stellten selbst Hamiltons Navy-Episoden in den Schatten: Als einer jener Männer, die mit einem selbstgebastelten Drachen aus dem Dachboden von Schloss Colditz – einem als ausbruchssicher geltenden Nazi-Gefängnis für feindliche Offiziere – geflohen waren, hatte er in Großbritannien eine gewisse Berühmtheit erlangt.Doch Rolts war der Rummel um seine Person zuwider und er besuchte auch nicht die Treffen der Colditz-Veteranen. “Dem Krieg zu entfliehen, war kein Spiel”, sagte er einmal. “Es war kein Spass, es war Pflichterfüllung.”

1953 in Le Mans teilte das ungleiche Paar jedoch eine gemeinsame Enttäuschung: Während der Rennvorbereitungsrunden wurde ihr Jaguar C-Type wegen eines technischen Details disqualifiziert. Hamilton und Rolts suchten also die nächste Bar auf, um ihre Enttäuschung “herunterzuspülen”. Nach einer durchzechten Nacht wurden sie vom Motorenlärm eines Jaguar Mark VII geweckt: Markenchef William Lyons war gekommen, um seinen Teamfahrern die fröhliche Kunde zu überbringen, dass sie wieder im Rennen seien – und umgehend starten würden. Laut Hamilton kurierten die beiden ihren Kater, indem sie während der Pit Stops einige Gläser Brandy kippten. Rolts hat dies jedoch immer bestritten. Wie auch immer die wahre Geschichte gehen mag: Nach einem durchaus ereignisreichen Rennen – Hamilton brach sich unter anderem die Nase, als ihm bei 210 km/h ein Vogel ins Gesicht flog – fuhr das dynamische Duo als erstes durchs Ziel und sicherte sich somit den Titel des wichtigsten Langstreckenrennens der Welt! 

Wenige Rennfahrer verkörperten den wahren Geist des Rennsports der 1950er Jahre so eindrucksvoll wie Duncan Hamilton mit seiner enzigartigen Mischung aus fahrerischem Talent, rauem Charme und Draufgängertum.

Fotos: Getty Images / Duncan Hamilton Ltd.

Dieser Artikel ist Teil der Serie Gentleman Drivers,  die freundlicherweise von EFG International präsentiert und unterstützt wird.