Die wahren Gatsbys: Rockefeller, Vanderbilt & Co

Im 19. Jahrhundert häufte der amerikanische Geldadel mit Stahl, Eisenbahnen und Öl märchenhaften Reichtum an. Damit bauten sie Schlösser nach europäischem Vorbild und schufen den Lebensstil der High Society, der dem Emporkömmling Jay Gatsby so imponierte.

Die Rockefellers: Der Treibstoff der Neuzeit

Wie so viele aus der „Gilded Age”, der vergoldeten Epoche im 19. Jahrhundert, als ehrgeizige junge Entrepreneure Imperien schufen und ihren Reichtum selbstbewusst zur Schau stellten, war auch John D. Rockefeller ein Einwandererkind mit deutschen Wurzeln. Lange vor den Silicon Valley-Milliardären war dieses Familienunternehmen einst international gleichbedeutend mit kaum fassbarem Reichtum. John D. erwarb um 1870 eine Raffinerie und schuf daraus den Erdölgiganten Standard Oil (heute ExxonMobil), später gehörte auch die mächtige Chase Manhattan Bank zu seinem Reich. Er war berühmt für seinen Geiz und seine Nachfahren für ihr Mäzenatentum. Ein Denkmal der Familie ist das Rockefeller Center in Mitten von New York City, das andere ist das vergleichsweise bescheidene Familienanwesen Kykuit im malerischen Hudson Valley nördlich von New York, fern der Goldküste von Long Island und der Millionärs-Enklave Newport im US-Bundesstaat Rhode Island.

Die Vanderbilts: Das Geld liegt auf der Schiene

Drei Familien sollten den wirtschaftlichen Aufschwung des jungen Landes bestimmen: Rockefeller stellte das Erdöl bereit, Andrew Carnegie den Stahl und die niederländische Einwandererfamilie Vanderbilt sorgte für den Transport durch  Schifffahrt und den Ausbau der Eisenbahn. Im Gegensatz zu den eher zurückhaltenden Rockefellers waren die Vanderbilts eine schillernde Familie. Schon um den Patriarchen Commodore Cornelius Vanderbilt, der schon Anfang des 19. Jahrhunderts den Grundstock für das Business legte, rankten sich Mythen. Gertrude Vanderbilt Whitney war eine Bildhauerin und Mäzänin, die standsgemäß einen Whitney - ebenfalls eine berühmte amerikanische Familie - heiratete und das Whitney Museum of American Art in New York ermöglichte. Consuelo Vanderbilt heiratete den 9. Herzog von Marlborough und war die Mutter von Winston Churchill. Gloria Vanderbilt war im 20. Jahrhundert die Rebellin, die malte, Blue Jeans entwarf und für ihre Affären berühmt wurde. Die Logistikkönige hatten eine Leidenschaft für prachtvolle Sommerfrischen, die sie an der legendären Gold Coast von Long Island und im beschaulichen Küstenstädtchen Newport in Neuengland errichteten. Für über 330 Millionen Dollar nach heutigem Wert ließen sie mit The Breakers einen Renaissancepalast im Beaux Arts-Stil errichten. Sie zählt zu den Sehenswürdigkeiten von Newport nicht zuletzt weil die Villa in der 1974 mit Robert Redford gedrehten Fassung von „The Great Gatsby” eine Hauptrolle spielte.

Die Carnegies: Men of Steel

 

Wo man heute von Raubtierkapitalismus spricht, wählten Amerikaner schon im 19. Jahrhundert den Begriff „Robber Baron” (Raubritter) um die gnadenlosen Geschäftspraktiken der Ritter der vergoldeten Ära zu beschreiben. Bei Gatsby dem Großen bleibt der Leser diskret über die Herkunft seines Vermögens zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Ungewissen, bei dem schottischen Webersohn Andrew Carnegie war es sein untrügliches Gespür für Stahl. Allerdings machte sich Carnegie nichts aus dem Geldadel und verabscheute deren Prunk. Er baute sich allerdings ein Stadtpalais in Manhattan, auf der Upper East Side wo auch Vanderbilts, Whitneys, Morgans und Co. steinerne Zeugen ihres Wohlstands errichteten. Gemäß ihren protestantischen Wurzeln waren die anderen großen Familien Gönner der Künste und sozialer Einrichtungen. Doch der Stahl-Tycoon übertraf sie alle und stiftete eine Universität, Forschungseinrichtungen und viele soziale Einrichtungen. Frick hinterließ sein Stadthaus und seine große Sammlung Alter Meister der Stadt New York. Zu Lebzeiten galt er selbst unter seinesgleichen als unerbittlich, ließ er doch beispielsweise Arbeiteraufstände blutig niederschlagen ohne daß die Behörden einschritten. Seinem Sohn Childs schenkte der Architektur-Liebhaber das Landhaus Clayton auf Long Island, das im spätbarocken, englischen georgianischen Stil gebaut wurde und heute eine Kunstsammlung beherbergt.

Die Astors: Die Herren der Traumschlösser

Als Tom Wolfe in den achtziger Jahren im „Fegefeuer der Eitelkeiten” die ersten superreichen Investmentbanker und Wallstreet-Broker einer anderen Generation beschrieb, galt sie als letzte Repräsentantin des Old New York: Brooke Astor, die vor einigen Jahren mit 105 Jahren starb. Ihr Schwiegervater John Jacob Astor IV gehörte zu den Gentlemen, die im Abendanzug im Salon der Titanic auf den Untergang warteten. Das prägte ihre Lebenshaltung. Der Salon der Philantropin blieb eine Bastion, die auch einem modernen Jay Gatsby immer verwehrt gewesen wäre. Die Astors verdankten ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg zunächst dem Pelzhandel Ende des 18. Jahunderts, später waren sie die Baukönige des jungen New York. Den Patriarch Johann Jakob Astor zog es einst vom badischen Walldorf in die Neue Welt. Eine Mrs. Astor, die um die Jahrhundertwende lebte, schuf mit Beechwood eines der beeindruckenden Sommerfrischen von Newport. Richard Morris Hunt, ein von der damaligen Society geschätzter Architekt wurde für den Umbau komplett mit Ballsaal engagiert. Dort vergnügten sich „The Four Hundred”- jene 400 der A-Liste Neuenglands, die das sorglose, elitäre Leben von Jay Gatsbys angebeteter Daisy Buchanan führten. 

Die Morgans: Die Über-Investmentbanker

Die Morgans waren die Rothschilds der USA. Wie die legendäre europäisch verzweigte Bankiersfamilie, so waren auch sie nicht nur im frühen Wertpapierhandel tätig, sondern machten durch ihre Kredite und Verbindungen Investitionen für die aufblühende Industrie erst möglich. John Pierpont Morgan förderte durch seine finanziellen Transaktionen unter anderem den Bau der Titanic, aber auch die Gründung des jungen Automobilbauers Chrysler. Noch heute zählt JP Morgan zu den großen Geldhäusern der Wallstreet. Er hinterließ New York die angesehene John Pierpont Morgan-Bibliothek, förderte das Metropolitan Museum of Art und natürlich besaß er in Glen Cove, an der fashionablen Nordküste von Long Island, ein Haus. Wer die Goldküste vor den in der Ferne schimmernden Türmen Manhattans besucht, wird dennoch das Morgan-Anwesen vergebens suchen, denn Matinecock Point wurde 1980 abgerissen.

Fotos: Getty Images