Die ultimative Neujahrsparty im Studio 54

Allüberall ereilt einen zu dieser Zeit des Jahres dieselbe Frage: “Was hast Du an Silvester vor?” Normalerweise entgegne ich: “So wenig wie nur irgendwie möglich!” Doch würde man mich nach meinen Wünschen für eine unvergessliche Neujahrsnacht fragen, erhielte man eine ganz andere Antwort.

Nur ist die Umsetzung nicht ganz einfach: Für die ultimative Silvesterparty müsste man nämlich Doc Browns DeLorean ausborgen, Sylvesters “'You Make Me Feel (Mighty Real)” in den Kassettenplayer schieben und als Ziel der Reise nicht nur den 31. Dezember 1977 oder 1978 ins Zeitreise-GPS eingeben, sondern auch die Koordinaten der 254 West 54th Street in New York City – damals die Heimat des Studio 54, dem vielleicht berühmtesten Nachtclub der Welt.

Tonnenweise Glitter und "mehr Geld als die Mafia"

Erst im April 1977 hatten die jungen Unternehmer Steve Rubell and Ian Schrager den Club im Norden von Manhattan eröffnet – und einen einzigartigen Höhenflug erlebt. Auf der Tanzfläche Stars und Sternchen, während draußen die Jugend von New York um Einlass flehte. Doch nachdem Rubell öffentlich verkündete, nur die Mafia verdiene in New York mehr Geld als das Studio 54, standen im Dezember 1979 die Beamten von FBI und IRS vor der Tür: Zwar waren die Versprechungen etwas vollmundig gewesen, doch das in den Wänden des Clubs versteckte Bargeld reichte dennoch, um die Club-Besitzer wegen Steuerhinterziehung auf eine dreieinhalbjährige Reise zu schicken. 

Dies bedeutete, dass im ursprünglichen Studio 54 tatsächlich nur zwei Silvesterparties gefeiert wurden. Dafür waren die Gäste umso schillernder – das Aufgebot reichte von Liza Minnelli über Mick und Bianca Jagger, Grace Jones und den jungen Michael Jackson zu weniger offensiv-coolen Charakteren wie dem Pianisten Vladimir Horowitz, dem Pop-Art-König Andy Warhol und der partyverrückten kanadischen First Lady Margaret Trudeau. Für eine Silvesterfeier entschied sich der legendäre Partyplaner Robert Isabell, den Jahreswechsel noch etwas “glamouröser” zu gestalten, indem er vier Tonnen Glitzerschnipsel auf der Tanzfläche ausschütten ließ. “Es war, als würde man auf Sternenstaub tanzen”, schwärmte Ian Schrager. “Die Besucher fanden die glitzernden Flocken noch Monate später in ihren Kleidern und Wohnungen.”

Ein Beitrag zur allgemeinen Ekstase

Wer am Silvesterabend tatsächlich die strengen und wenig durchsichtigen Einlasskriterien des Türstehers Mark Benecke erfüllte – hilfreich war eine “gewaltige Persönlichkeit”, die zur allgemeinen Ekstase beitragen konnte – fand sich in einer wilden Welt: Status hatte keinen Wert, Hemmungen waren verpönt, dafür waren praktisch alle Gäste auf Drogen und feierten die freie Liebe. Mit anderen Worten: Im Studio 54 wurde die Phantasie zur Realität. Valentino etwa schlüpfte in die Rolle des Zirkusdirektors, der echte Tiere durch die Manege laufen ließ, während sein Designerkollege Giorgia Armani ein anspruchsvolles Ballett von Drag Queens dirigierte.

Wer vom Tanzen und dem pumpenden Disco-Beat müde geworden war, konnte sich in zahlreiche “Gummiräume” mit Spielwiesen aus abwaschbarem Kunststoff zurückziehen. Die ganz großen Stars feierten jedoch schon in den Hinterzimmern von Steve Rubell, bevor vorne die ersten Gäste auf die Tanzfläche strömten. 

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob man mit einem fliegenden DeLorean überhaupt die Aufmerksamkeit des Türstehers erregt, geschweige denn Einlass erhalten hatten. Selbst als Bianca Jagger kurz nach Eröffnung des Studio 54 im Mai 1977 mit einem weißen Pferd zu ihrer Geburtstagsparty anritt, soll kaum ein Gast überrascht gewesen sein.

Fotos: Getty Images