Classic Driver Tour: Im Rolls-Royce Ghost EWB von München nach Nizza

Die Linienmaschine fliegt in gut einer Stunde von München nach Nizza. Doch warum fliegen, wenn man auch fahren kann? Zum Beispiel in einem Rolls-Royce Ghost mit langem Radstand. Eine Classic Driver Tour und Europapremiere hinein in den französischen Frühling - Waft Like This!

Prolog: Konzentration auf das Wesentliche! Das ist es, was vielen Menschen, Dingen und Orten heutzutage abgeht. Wir leben in einer Welt von Reizüberflutung und der vermeintliche Fortschritt wird in einem ewigen Mehr an Möglichkeiten gesucht. Auch die Kultur des bewussten Reisens ist dieser Tage vielen Zeitgenossen abhanden gekommen. Stattdessen wiederkehrend folgender Ablauf: Rein in den Flieger, raus aus dem Flieger. Ankunft, wo noch gleich? Ach ja, dort und dort. Zeitunterschied? Ja, minus eine Stunde GMT. OK. Let´s go! - Wie bedauerlich. Denn erst, wer die Reise an sich als Ziel begreift, kommt dem bewussten Reisen näher. Und das, geneigte Leser, ist ein Erlebnis.

Unser Erlebnis startet in München. Gleichwohl bei ungemütlichem Winterwetter, restlichem Schneematsch und Nieselregen. Doch die Mienen hellen sich auf, als wir unseren Wegbegleiter für die kommenden rund 1.000 Kilometer in Empfang nehmen: einen Diamant schwarzen Rolls-Royce Ghost EWB, was für Extended Wheelbase steht. Der lange Radstand liefert ein Plus von 17 Zentimeter Raumangebot, welches voll und ganz den Passagieren im Fond zu Gute kommt. Wie schön, dass wir zu zweit unterwegs sind.

Classic Driver Tour: Im Rolls-Royce Ghost EWB von München nach Nizza
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Tatsächlich handelt es sich bei dieser Fahrt im Rolls-Royce Ghost EWB um eine Europapremiere. Denn noch nie zuvor hat ein offiziell zugelassenes Fahrzeug diesen Typs eine solche Fahrt außerhalb der werksseitigen Testzyklen unternommen. Die Route: sie ist sorgsam gewählt. Die Idee dieser Classic Driver Tour lautet, innert zwei Tagen dem winterlichen Deutschland zu entkommen, die Alpen zu queren und in den französischen Frühling zu gelangen. Möglichst bequem, möglichst entspannt, möglichst bewusst. Als erstes Etappenziel haben wir die Halbinsel Sirmione im Gardasee gewählt und von dort soll es in zügiger Fahrt über Brescia, San Remo nach Südfrankreich gehen. Unser Ziel: das Four Seasons Resort Provence Terre Blanche in Tourrettes.

Schnell ist das Gepäck im geräumigen Heck des Ghosts verstaut. Die Türen schwingen gegenläufig auf, wir machen es uns bequem. Kaum Platz genommen, wird deutlich: selbst als Fahrer einer S-Klasse, eines 7er BMWs oder eines A8 ist der Klassenunterschied zu einem Rolls-Royce augenblicklich offenkundig. Das ganze Fahrzeug zelebriert Handwerkskunst. Und schon das Interieur stimmt uns mediterran ein: Feinstes Leder in edlem Creme von bemerkenswerter Textur und Haptik mit sorgsam gesetzten schwarzen Kontrasten trifft auf Oberflächen in Piano Schwarz. Bedienelemente aus verchromten Metall und opake Glasflächen setzen Akzente, wie man sie in der Großserie vergeblich sucht. Das ist automobile Kultur.

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Der massive Funkschlüssel findet seinen Platz in der Mittelkonsole und auf Knopfdruck erwacht der 6,6 Liter messende V12. Beinahe lautlos. Mittels Wählhebel geben wir die Richtung vor: vorwärts. Mitten hinein in den Münchner Stadtverkehr, die Maximilianstraße entlang. Ein paar Gassen weiter lädt Bachmann & Scher, ein gut sortierter Vintage Uhrenhändler, zum Zeitstöbern ein. Ein wunderbarer Ort, um sich auf die anstehende Reise und die Dimension der Zeit einzustimmen. Schlag 12:00 Uhr: Nun ist es Zeit, den Münchner Stadtverkehr zurück lassen. Das gelingt behände. Trotz seiner Länge von beinahe 5,6 Meter lässt sich der Ghost dank präziser Servolenkung und guter Übersichtlichkeit spielerisch aus der Stadt heraus bugsieren. Ziel: nach Österreich, Richtung Innsbruck.

Die Autobahnauffahrt: Das Gaspedal kuschelt kurz mit dem Hochflorteppich. Und schon rauscht sie heran: eine Welle von 780 Newtonmeter Drehmoment packt den 2,5 Tonnen schweren Gleiter und trägt ihn würdevoll nach vorne. Das geschieht scheinbar vollkommen selbstverständlich und ganz ohne akustisches Theater. Wohlig und nur etwas vernehmlicher als sonst säuselt der Zwölfender dabei unter der Haube, so als ob er genau auf diesen Moment gewartet hätte. In wenigen Sekunden haben wir Richtgeschwindigkeit erreicht. Und Augenblicke später geht es auf der linken Spur mit 200 km/h in stoischer Gelassenheit gen Süden. Eine brausende Schleppe aus Salznebel und Regengischt säumt die Fahrt des Ghost. Das ist sie, die sprichwörtliche „Waftability“, die Kunst des mühelosen Gleitens, die in dieser Perfektion nur ein Rolls-Royce beherrscht.

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Und es sind feine Details, die dieses Erlebnis elitärer Beschleunigung ausmachen: 570 PS, die absolut konsequent und ohne Aufhebens zu Werke gehen. Ein Fahrwerk, welches genau hierfür geschaffen scheint und willens und fähig ist, allen fahrbahnseitigen Unbill zu schlucken. Optische Ruhe auch im Instrumententräger. Im Cockpit pendelt kein Drehzahlmesser hektisch hin und her. So etwas gibt es hier gar nicht. Stattdessen weist eine Power Reserve Anzeige dezent darauf hin, dass wir noch 40 Prozent Kraftreserven haben. Wohlgemerkt: bei 220 km/h. Auch das Automatikgetriebe konzentriert sich auf die Essenz: entweder vorwärts oder zurück. Ganganzeige? Fehlanzeige.

Bitte nicht falsch verstehen. „Simplicity“ ist ein großartiges Motiv. Denn sie fokussiert auf eines: das Wesentliche. Und mit dieser „Einfachheit“ kommt man im Rolls-Royce Ghost wunderbar klar. Mehr braucht es nicht. Wir durchqueren Tirol in Richtung Brenner - nur die Vignette- und Mautboxen bremsen gelegentlich unseren Vortrieb. Verhaltene Sonnenstrahlen blinzeln durch die nachmittägliche Wolkendecke und tauchen die Spirit of Ecstasy auf dem Fahrzeugbug in ein Gewand aus jäh vermissten Tageslicht. Einer spontanen Eingebung folgend wechseln wir auf die Landstraße.

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Auf kurvenreichem Geläuf nähern wir uns nun Italien. Das ist eine wichtige Lektion in unserem Roadbook. Denn im direkten Vergleich der Streckenführung wird deutlich: der Royce ist kein Sportwagen und man sollte ihn dafür nicht missbrauchen. Das Langschiff allzu vehement durch Kurven zu scheuchen, ist wahrhaft nicht die feine Art. Das repräsentative Gleiten indes beherrscht der Ghost par excellence. Vorausschauendes Fahren wird mit einem Komforterlebnis goutiert, welches andere Automobile noch nicht einmal im Moment des Stillstandes vermitteln können. Und so schweben wir zu später Stunde am Gardasee ein. Der Tag klingt in einer Osteria am Seeufer aus, während der Royce einen Ehrenplatz auf der Mole erhält. Day one, well done!

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Der nächste Morgen schickt uns wärmendes Licht der aufgehenden Sonne. Und noch bevor die Touristen über Sirmione herfallen, erkunden wir das idyllische Festungsstädtchen mit einer Stadtrundfahrt auf eigener Achse. In einer kleinen Cartoleria finden wir ausgesuchte Papierwaren und italienische Schreibgeräte für die mediterrane Korrespondenz mit der Heimat. Vom Gardasee bis nach Brescia ist es nicht weit. Wir stoppen beim Museum der Mille Miglia auf ein Getränk, schreiben nach guter Sitte ein paar Reisepostkarten und hinterlegen die nächsten Tourpunkte im Navigationssystem. Wenige Stunden später sticht der Royce bei Genua zur Mittelmeerküste durch und folgt der Küstenstraße in Richtung Süden. Die Luft ist mild. Das Licht der Abendsonne funkelt auf dem Wasser. Der Winter ist vergessen.

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Ganz San Remo ist auf den Beinen. Nicht etwa, weil wir uns angekündigt hätten, sondern weil das 62. Festival della Canzone Italiana in vollem Gange ist. Der Rolls-Royce intoniert Laura Pausini und schwebt majestätisch durch die Stadt. Am Stadtausgang fassen wir den Entschluss: zurück auf die Autobahn. Nach Frankreich.

In hohem Tempo nehmen wir die Tunnelpassagen der Küstenautobahn. Menton fliegt vorüber. Monaco. Das Cap Ferrat. Nizza funkelt linke Hand in der Bucht. Bei Cannes biegen wir am späten Abend ins Hinterland ein: Richtung Grasse. Die Scheinwerfer des Ghost brennen Lichtschneisen in die Olivenhaine. Links geht die Straße, dann rechts, wieder links. Wir sind am Ziel: das Four Seasons Terre Blanche in der Provence. Und die Küche des Faventia hat noch geöffnet. Parfait! - Der nächste Tag beginnt mit einem Morgen aus dem Bilderbuch. Früher Nebel hängt noch in den Tälern von Tourrettes, als die Sonne über die Hügelketten steigt. Eine Amsel zwitschert, während der Concierge den frisch gewaschenen Ghost unter das Vestibül fährt. Statt Spa, Golf oder seligem Nichtstun haben wir uns noch einmal für das Wesentliche entschieden: Fahren. Erster Klasse..

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Der Rolls-Royce Ghost wurde erstmals 2009 vorgestellt. Das EWB-Modell ist seit 2011 erhältlich. Unser Fahrzeug „HX61AHN“ schlägt mit rund 293.000 Euro zu Buche. Rund 90 Prozent aller Ghost-Eigentümer sitzen laut Rolls-Royce Pressesprecher Frank Tiemann selbst am Steuer ihres Wagens. Kein Wunder: ein Rolls-Royce Ghost wirkt wie ein Brennglas: er konzentriert auf die Essenz. Auf das Fahrerlebnis an sich und auf einen selbst. Und das auf höchstem Niveau.

Text: Mathias Paulokat
Fotos: Mathias Paulokat, Roland Löwisch

Weiterführende Links:

Rolls-Royce Motor Cars: www.rolls-roycemotorcars.com
Bachmann & Scher: www.bachmann-scher.de/
Cartoleria Barbara Benzoni, Sirmione: [email protected]
Mille Miglia Museum: www.museomillemiglia.it/
SanRemo 2012: www.sanremo.rai.it
Laura Pausini: www.laurapausini.com
Four Seasons Terre Blanche: www.fourseasons.com/provence/