BMW X6 xDrive50i

Als Trendsetter im Premiumsegment der sportlichen Geländewagen ist BMW der Konkurrenz meistens einen Schritt voraus. Nach dem erfolgreichen X5 reagierten die Münchener auf das steigende Interesse an einer kompakteren Variante und siedelten den X3 unterhalb der X5-Flotte an. Aktuell im Anmarsch ist der noch leichtere X1, der den Trend hin zu kompakteren BMW-Allradfahrzeugen scheinbar fest etabliert. Doch halt! Oben am Gipfel, noch über dem X5, kommt auf einmal dieses mächtige Coupé dahergerollt – der X6. Dabei polarisiert der Allradler wie kein anderer seiner Gefährten. Classic Driver hat sich die XXL-Variante, den BMW X6 xDrive50i, zur Brust genommen und ihn auf eine alpine Tour entführt, die ihm gestattete, sein ganzes Talent zu demonstrieren.

BMW X6 xDrive50i, so die exakte Modellbezeichnung des Allrad-Coupés, das BMW konzeptionell als Sports Activity Coupé bezeichnet. Wer sich mit der Modellhistorie der Bayern auskennt, merkt sofort, dass sich etwas geändert hat in der Bezifferung der Flotte. Die Motorkennung wird bei den X-Modellen und beim Z4 nun als zweistellige Zahl ohne Punkttrennung angegeben. Anstatt 3.0i heißt es jetzt 30i. Interessanter ist noch, dass die Antriebssysteme neuerdings als xDrive oder sDrive ausgeschrieben werden, so etwa beim Z4 sDrive35i oder eben beim X6 xDrive50i. Dahinter verbirgt sich eine cleverere Marketingstrategie, die sowohl dem Fahrer als auch BMW selbst zu Gute kommt – und bereits vom Allradmeister Audi bekannt ist. Denn: Viele Kunden, die ihren BMW mit „Modellschriftzugentfall“ ordern, lieben dennoch die dezente Kennzeichnung an der vorderen Seitenpartie: „Quattro“ beziehungsweise xDrive oder sDrive. Dass dabei ein feiner Werbeeffekt für die BMW-Antriebssysteme herausspringt, liegt auf der Hand.

BMW X6 xDrive50i BMW X6 xDrive50i

Zurück zu dem Hünen, der uns an diesem Tag hautnah begegnet. Die Front des X6 wirkt vertraut, ähnelt sie doch seinem Wegbereiter, dem X5. Seine Motorhaube liegt gespannt und sehnig auf dem Bug des Coupés und mündet in einer flach abgewinkelten Frontscheibe. Erst in der Profilansicht wird die neue Form sichtbar: Die Dachlinie erreicht ihren höchsten Punkt über den Frontsitzen, fällt dann stufenlos nach hinten hin ab und endet in einem Bürzel. Hier wird’s spannend. Um die komplexen Formen und das schiere Ausmaß der Heckpartie zu einem einheitlichen Gesamtbild zu verknüpfen, muss man einige Schritte zurückweichen. Geradezu provokant streckt der X6 sein schneidiges Hinterteil in die Höhe – ganz als wolle er seinen konservativen Artverwandten unmissverständlich mitteilen, dass er mit einer alten Tradition gebrochen hat. Weg vom quadratisch-praktischen Limousinenaufbau, hin zu einer ausdrucksstarken, dynamischeren Form. Klingt eigentlich gut, würde der X6 dadurch nicht den vielleicht letzten wichtigen Seriositätsfaktor moderner Geländewagen, nämlich das „Raumangebot“, verlieren. So wird der X6 schon mal prompt als großes, durstiges Luxusspielzeug verurteilt. Höchste Zeit also, ihm eine faire Chance zu geben!

Wir haben uns gefragt, zu welchem Anlass das Allrad-Coupé jetzt im Winter das ideale Gefährt darstellt? Antwort: Für einen Ausflug in die Alpen. Zu zweit. So bleibt reichlich Platz für Taschen, Koffer und Wintersport-Equipment. Die Kollektion aus dem Hause Indigo passt stilistisch gut zum X6, setzt das ebenfalls in München beheimatete Label doch vornehmlich durch Innovation und Design besondere Akzente. Beim Beladen des Kofferraums müssen wir bereits ein erstes Missverständnis aufklären. Denn unter der geduckten Dachlinie des X6 ist jede Menge Platz, ähnlich wie im X5. Der Bereich, der tatsächlich unter der Coupéform leidet, kommt im Normalfall ohnehin nicht zum Einsatz, weil dadurch die Sicht nach hinten schlichtweg verdeckt wäre. Zum Vergleich: Der X5 hat ein Kofferraumvolumen von 620 Liter, mit umgeklappten Sitzen 1.750 Liter. Beim X6 sind es immerhin 570 beziehungsweise 1.450 Liter und damit ausreichend Stauraum für unser Reisegepäck, das schätzungsweise den Bedarf einer fünfköpfigen Familie decken würde.

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Startphase: Auf Knopfdruck schallt ein lupenreines V8-Gebell in die Fahrgastzelle. Typisch, mit einem Mal weichen Gedanken über Sinn und Zweck der kindlichen Leidenschaft am Automobil. Mit V8-Power überrollen wir die Autobahn A10 in Richtung Salzburg. Der 4,4 Liter Twinturbo-Motor mit 407 PS bei 5.500/min und einem maximalen Drehmoment von 600 Newtonmeter zwischen 1.800 und 4.500/min treibt den X6 aus jeder Lage spielerisch nach vorn. In nur 5,4 Sekunden beschleunigt das Coupé aus dem Stand auf 100 km/h. Bei 200 km/h und einer Sichthöhe von 1,5 Meter erwachen gewisse Herrschaftsansprüche auf das Asphaltterrain. Ein Porsche Cayenne S weicht dem nahenden X-Koloss. „Der X5. Nein, doch nicht, das ist der neue X6!“ steht in erstaunten Gesichtern geschrieben. Nach etwa 300 Kilometern Autobahnfahrt erreichen wir Kärnten und einen Durchschnittsverbrauch von 15,9 Liter. Den rekordverdächtigen Wert des BMW-Datenblatts von 9,9 Liter (außerorts) beziehungsweise 12,8 Liter (kombiniert) haben wir damit recht deutlich verfehlt.

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Es geht aufwärts ins Kärntner Oberland. Die obligatorische Gondel ins Ski-Paradies sparen wir uns – zu verlockend ist der Gedanke, mit dem X6 die ausgefrästen Serpentinen hinaufzupreschen. Auf einer letzten, ansteigenden Geraden brummt der bärenstarke Achtzylinder laut auf und schwemmt die fast 2,3-Tonnen-Fuhre (Leergewicht) mit der Kraft einer Schneelawine voran. Bei gesteigerter Kurvendynamik spürt man jedoch, dass zwischen Fahrersitz und Asphalt zuviel Gewicht, Technik und Komfortfeatures hängen, als dass man den X6 wie einen Sportwagen bewegen könnte. Es ist schlicht ein Gefühl, als könne man alles überrollen, was sich einem in den Weg stellt.

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Höchste Zeit, in den manuellen Schaltmodus zu wechseln, um aktiver ins Geschehen einzugreifen. Sind Gang und Drehzahl richtig gewählt, lässt sich der BMW präzise und erstaunlich leichtfüßig durch die Kurven treiben. Wie ein Präzisionswerkzeug arbeitet auch die BMW-Aktivlenkung, die sich mit variablem Lenkwiderstand permanent den Fahrsituationen anpasst und damit immer ein optimales Lenkgefühl vermittelt. Die letzten Passagen sind vereist und eingesäumt von meterhohen Schneewänden. Doch Allradantrieb, Winterbereifung und Fahrhilfen fräsen förmlich Schienen ins Eis, von denen der X6 keinen Zentimeter abweicht. Ein letztes Brüllen, ein letzter Satz und der X6 erreicht den Gipfel und zum ersten Mal seine Grenzen. Denn ab hier geht es nicht mehr höher, zumindest nicht auf Rädern.

Zeit für ein Resümee: Im Grunde genommen unterscheidet sich der X6 nur wenig vom X5. Klar, denn dieser liefert die gesamte Basis für die Coupé-Karosserie. Selbst die Innenräume der X-Modelle lassen sich kaum voneinander unterscheiden. Somit erbt der X6 die guten Gene wie Fahrdynamik, Vortrieb und Komfort, aber auch die weniger guten wie etwa den beachtlichen Kraftstoffbedarf. Warum aber polarisiert der X6 derart, wenn er sich doch kaum vom erfolgreichen X5 unterscheidet. Vielleicht, weil BMW dem Allrad-Coupé nicht gleichzeitig eine emissionsarme Variante mit alternativem Antrieb zur Seite gestellt hat oder weil der X6 erstmalig offenkundig zeigt, das die Zeit der klobigen Wald-und-Wiesen-Panzer vorbei ist und endlich auch im Geländewagensektor Wert auf eine schnittige Garderobe gelegt werden darf. Hier jedenfalls hat der BMW X6 Pioniersarbeit geleistet. Wir werden sehen und berichten, wie viele Hersteller in Zukunft nachziehen – ohne dabei in die Kritik zu geraten.

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Text: Jan-Christian Richter
Fotos: Nanette Schärf / JCR


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