BMW 740i: Zukunftsmusik

Mit der Siebener-Reihe testet BMW die Technik der Zukunft. Was sich in der großen Limousine qualifiziert, wird später an die kleineren Modellreihen weitergereicht. Doch wie verändert sich mit Head-Up-Displays, Spurwechselassistenten und Connected Drive der Alltag des Autofahrens? Wir haben den neuen BMW 740i auf Autopilot geschaltet und die schöne neue Welt der allmächtigen Assistenzsysteme bereist. Ein Erfahrungsbericht.

Die Maschine wackelt und schwankt, die Turbinen heulen. Zwischen den Wolkenfetzen schwebt für einen Moment die rot leuchtende Allianz-Arena wie ein gewaltiges Raumschiff in der Dunkelheit, dann sieht man wieder nur den Regen im grellen Licht der Positionslampen peitschen. Turbulenzgebeutelt erinnere ich mich an die Anfangssequenz von Zurück in die Zukunft II, als Michael J. Fox zum ersten Mal mit dem fliegenden DeLorean ins Jahr 2015 reist und bei ähnlichen Wetterbedingungen auf die „Gegenflugbahn“ gerät. Fliegende Taxen kommen uns im Münchener Nachthimmel zwar nicht entgegen, aber den Eindruck, ein paar Jahre übersprungen zu haben, werde ich auch nach unserer Achterbahn-Landung nicht mehr los.

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Die neuen Testwagenhallen, die BMW sich an der Peripherie von München errichtet hat, könnten in ihrer kühlen Sichtbeton-Architektur ebenfalls zum Set einer Science-Fiction-Produktion aus Hollywood gehören. Nach ausführlichen Identitätskontrollen geleitet mich der Pförtner in eine der gewaltigen, offensichtlich an die Shuttle-Decks vom Raumschiff Enterprise angelehnten Garagenhallen und schließt hinter mir die Tür. Im kühlen Licht der Neonröhren steht hier die aktuelle bayerische Motorflotte in schwarzgrauen Lackvariationen für Journalisten bereit. Die zurückgenommene und klare Strenge des kubischen Raumes lässt die dunklen, sanft gerundeten Karosserien fast flüssig, organisch erscheinen. Die Reflektionen der Neonbeleuchtung lassen zudem alle Kanten, Wölbungen und Absätze dreidimensional hervortreten. Unser Proband, ein anthrazitgrauer BMW 740i der fünften Generation, gibt sich auf Knopfdruck mit einem Blinken zu erkennen.

Während der neue Siebener auf den Pressebildern etwas fad herüberkam, wirkt er bei diesem ersten physischen Kontakt überraschend stimmig und attraktiv. Die Abkehr vom Formenflimmern des Vorgängermodells durch Adrian van Hooydonk, den neuen BMW-Designchef, hat den Proportionen merklich gut getan. Die hohe Abrisskante, das breite Heck, die gewölbte Motorhaube über den großzügig dimensionierten Kühlernieren – mehr Präsenz findet man nicht im zeitgenössischen Limousinensegment. Dank einer geschickten Linienführung wirkt der Siebener trotz seiner Dimensionen sportlicher und dynamischer als der Vorgänger. Im beigefarben ausgeschlagenen Innenraum weht einem zunächst jener süße Duft des Fortschritts entgegen, mit dem die Synästhesie-Abteilung von BMW alle Neuwagen-Cockpits zu bestäuben scheint. Die Nase kauft – oder schreibt, wie in diesem Fall – schließlich mit.

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Nachdem man auf den überraschend hohen Sitzen Platz genommen hat, werden Motor und alle Bordcomputersysteme per Knopfdruck gestartet. Der Zündschlüssel bleibt derweil dank „Keyless Go“-Technologie in der Tasche. Wurde die Automatik beim Vorgängermodell noch per Lenkrad-Hebel bedient, ist beim neuen wieder ein Schalthebel, nein eher ein Joystick auf der Mittelkonsole angebracht worden, dessen Bedienung sich intuitiv erschließt. Lautlos rollt das Flaggschiff in Richtung des großen Rolltores. Einen Augenblick fürchte ich, bei Betätigung des Türöffners in den Weltraum hinausgesaugt zu werden, doch in der schwarzen Dunkelheit wartet nur der bayerische Regen, den die großen Wischerblätter selbstständig aus meinem Blickfeld zu schaufeln beginnen.

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Die Autobahnstrecke nach München City ist zu dieser Uhrzeit menschenleer. Wieder gleite ich am Fußball-UFO von Herzog & de Meuron vorbei, starte am meinem angedockten iPod den genial-sphärischen „Solaris“-Soundtrack von Cliff Martinez. Und während der Klang des Sechszylinders in minimalistischen Konzert der Streicherlinien verebbt, beginnt die Symphonie der Assistenzsysteme, die BMW im neuen Siebener erstmals in dieser Totalität präsentiert, mit ihrer stillen Kontrollübernahme. Das scheinbar ins Nichts vor der Frontscheibe projizierte Head-Up-Display weist mit einem Verkehrsschild-Icon auf die aktuelle Geschwindigkeitsbegrenzung hin und illustriert in bemerkenswerter Präzision alle Fahranweisungen des Navigationssystems mit einer Grafik des Streckenverlaufes. Wie in einem Computerspiel wird auch die aktuelle Reisegeschwindigkeit eingeblendet, so dass man den Blick während der Fahrt endgültig von Black Panel-Armaturen, Navigations-Display und iDrive-Controller abwenden kann.

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So passiert es, dass man bei aktiviertem Tempomat bereits nach wenigen Kilometern vergisst, gerade ein tonnenschweres Auto zu lenken und dafür das Gefühl einsetzt, seltsam körperlos durch den Raum zu schweben. Aktiviert man zudem die Massagefunktion der Sitze, ist das meditativ-hinduistische Samadhi nicht mehr fern. Damit man vor lauter Transzendenz nicht vom rechten Weg abkommt, hat BMW dem Siebener eine ganze Reihe von Warnsystemen geschenkt: Sobald man etwa versehentlich in Richtung der Fahrbahnlinien zieht, schlägt das Kamera-Überwachungssystem Alarm und lässt das Lenkrad vibrieren. Dasselbe Signal spürt man, wenn man bei beabsichtigten Spurwechseln einen weniger erleuchteten Verkehrsteilnehmer im toten Winkel übersieht. Zudem blinkt dann am rechten Außenspiegel ein kleines Warndreieck.

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Auch als der Verkehr in Richtung Zentrum doch noch dichter wird, bleibe ich als Fahrer weitgehend unbehelligt. Der Abstandhalteassistent hält die zuvor von mir gewählten zwei Wagenlängen Abstand zum Vordermann und passt mit dem Bremsassistenten die Geschwindigkeit an. Bei nicht aktivem Abstandhalter wird im Falle einer möglichen Kollision eine Auffahrwarnung aktiviert, die den Fahrer rot blinkend aus seinem Entspannungszustand erweckt. Ähnlich faszinierend wie die Assistenzsysteme ist das intelligente Beleuchtungssystem, das seinen Lichtkegel je nach Geschwindigkeit in Länge und Breite auspegelt, das Fernlicht bei entgegenkommenden Autos automatisch abblendet, bei aufkommendem Nebel in den Führungslicht-Modus schaltet. Noch mehr Durchblick bietet das Nachtsichtgerät „Night Vision“, dessen Wärmebildkamera bei Dunkelheit sogar Personen am Fahrbahnrand identifiziert und den Fahrer im Gefahrenfall davon in Kenntnis setzt.

Ein leichtes Hungergefühl treibt mich schließlich dazu, auch die letzte große Innovation des neuen BMW 7ers zu testen: Unter dem Namen „ConnectedDrive“ haben die Entwickler ein ganzes Kommunikationszentrum implementiert. Um nicht anhalten zu müssen, entscheide ich mich gegen eine Restaurant-Suche im Internet-Browser und für einen Anruf beim persönlichen Call Center, das man im ersten Jahr sogar kostenlos nutzt: „Japanisches Restaurant in der Nähe ihrer Fahrposition? Wird sofort an Ihr Navigationssystem übertragen. Bitte bestätigen Sie die Zielführung.“ Nicht nur in kulinarischen Notlagen hilft die optionale Kommandozentrale, auch im Fall eines Unfalls werden die Fahrzeugdaten an BMW Assist übermittelt. Entsprechend des anschließend berechneten Verletzungsrisikos wird dann umgehend ein Notarzt an den Unfallort bestellt.

Das sich der gewaltige Siebener so dynamisch und sportlich bewegen lässt wie ein Fünfer, ist der Integral-Aktivlenkung zu verdanken, die für optimale Wendigkeit auch die Hinterräder um drei Grad einlenken kann. Gleichzeitig sorgen der Wankstabilisator „Dynamik Drive“ und die dynamische Dämpferkontrolle dafür, dass man sich auch auf längeren Strecken so geborgen fühlt wie in Abrahams Schoss. Tatsächlich hat das Konzert der vernetzten Sensoren, Kameras, Radarmesser und Schaltkreise nicht nur eine ungemein beruhigende, sondern auch suchtfördernde Wirkung: Die Ernüchterung beim Umstieg in ein „normales“ Automobil ist relativ drastisch und man wünscht sich in die Obhut der allmächtigen Limousine zurück, die einen wohl auch sicher nach Hause bringen würde, wenn man sich im Fond zum Schlafen legen würde. Wenn die Zukunft des Automobils tatsächlich so umfassend auf Autopilot schaltet, wie es BMW mit dem Siebener demonstriert, ist die komfortbeduselte Unmündigkeit jedenfalls vorprogrammiert.

Wer aber nicht nur Raumschiff Enterprise, sondern auch pessimistischere Zukunftsvisionen der Science-Fiction-Geschichte kennt, hat aber ein weiteres Szenario vor Augen: Denn was passiert, wenn sich ein Fehler in das komplexe Techniknetzwerk einschleicht und entweder das komplette System lahmlegt oder – noch dramatischer – die gewohnheitsmäßig erwartete Assistenz ausbleibt? Seine Aufmerksamkeit wird wohl auch der Fahrer der Zukunft nicht an der Wagentür abgeben können – egal, wie viele schöne neue Helferlein in den kommenden Siebener-Generationen realisiert werden.

Text und Fotos: Jan Baedeker


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