BMW 328 Roadster: Kleiner schwarzer Prinz

Es gibt viele Möglichkeiten von Hamburg nach Berlin zu kommen. Im Stundentakt verlässt ein ICE den Hamburger Hauptbahnhof, der eineinhalb Stunden später die Hauptstadt erreicht. Wer lieber selber das Steuer in die Hand nehmen möchte, wählt die Autobahn 24 und erreicht – sofern die Strecke staufrei bleibt – drei Stunden später Berlin. Die schönste und spannendste Art die Strecke zwischen den beiden Metropolen zu überwinden ist die Teilnahme an der Rallye Hamburg-Berlin Klassik. Noch schöner wird es, wenn einem BMW Classic (ehemals Mobile Tradition) anbietet, sich in einem originalen BMW 328 Roadster aus dem Jahr 1937 den 650 Kilometern, fünf Etappen und 16 Wertungsprüfungen zu stellen.

Dort wo an jedem Sonntagmorgen die Verkaufsstände des legendären Hamburger Fischmarkts stehen, warten an diesem sonnigen Donnerstag fast 160 historische Automobile auf den Start zum Prolog „Hamburg und Hafen“ der ersten Hamburg-Berlin Klassik. Mein Teamkollege geht bereits das Roadbook durch und errechnet die Schnittgeschwindigkeiten für die ersten Wertungsprüfungen am ersten Rallyetag. Ich nutze die Gelegenheit und stelle mich dem dritten Teammitglied vor – dem schwarzen BMW 328 Roadster.

BMW 328 Roadster: Kleiner schwarzer PrinzBMW 328 Roadster: Kleiner schwarzer Prinz

Gleich zwei Vertreter der 328 Baureihe brachte BMW Classic aus der Schleißheimer Straße mit nach Hamburg. In der Dominokombination schwarz und weiß sorgten die eleganten Roadster für einiges Aufsehen im Starterfeld. Für Aufmerksamkeit sorgte seinerzeit auch der erste BMW 328 den die Münchner in aller Stille entwickelten, um auch weiterhin im Renngeschehen vorne mitspielen zu können. Dabei standen die BMW-Ingenieure unter unheimlichen Zeit- und Kostendruck, um mit der immer leistungsstärker werdenden Konkurrenz mithalten zu können. Das Ergebnis war ein auf das wesentliche reduzierter Sportwagen. Der 6-Zylinder-Reihenmotor leistete stattliche 80 PS und dies bei einem Gewicht von rund 780 Kilogramm – diese Eckdaten machten eine Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h möglich.

Unser 328 stammt zwar aus dem ersten Jahr der Serienproduktion des Roadsters, sein Design kann allerdings mit vielen Nachkriegsmodellen aus europäischer Produktion mühelos in punkto Modernität mithalten. Mich beschleicht ein Gefühl leichten Unwohlseins, bei dem Gedanken an die Rennerfolge die auf 328-Modellen gefeiert wurden: 1939 konnte ein leistungsgesteigertes BMW 328 „Superleggera-Coupé“ einen Klassensieg in Le Mans erzielen oder der Sieg beim Ersatzrennen der Mille Miglia 1940, als Huschke von Hahnstein zusammen mit Walter Bäumer eine Schnittgeschwindigkeit von 166,69 km/h erreichte. Dieser Druck lastet auf meinen Schultern, als wir in Richtung Start meiner Rallye-Premiere rollen. Der Prolog in Hamburg und Hafen verläuft problemlos, die Strecke führt an Orte die selbst angestammte Hamburger nie zuvor gesehen haben dürften, dazu gehört das Werksgelände der Werft Blohm & Voss. Mit Spannung blicke ich auf den „richtigen“ Start zur ersten großen Etappe.

Am nächsten Morgen heißt es exakt um 8:02 Uhr start frei! Vor uns liegen rund 300 Kilometer zum Tagesziel Waren an der Müritz. Schon nach wenigen Kilometern erreicht der Motor unter der langen mit zwei schweren Ledergurten fixierten Haube eine gute Betriebstemperatur und mein Teamkollege Ulrich zeigt was in dem auf 100 PS gesteigerten Motor alles steckt. Zu meiner Freude führt die Strecke auch ein kurzes Stück über die Bundesautobahn und der kleine Roadster fühlt sich trotz seiner siebzig Jahre recht wohl auf der Piste. Der Beschleunigungsmarsch des 2-Liter-Hubraum-Sechszylinders ist eine wahre Freude und man versteht schnell, warum der kleine BMW seinerzeit als zweitschnellster Sportwagen aus deutscher Produktion galt, gleich hinter den dominierenden Kompressormodellen von Mercedes-Benz.

BMW 328 Roadster: Kleiner schwarzer PrinzBMW 328 Roadster: Kleiner schwarzer Prinz

Weiter geht es über Landstraßen, durch beschauliche Ortschaften und immer wieder ein tolles Bild: Fotografierende und jubelnde Zuschauer am Straßenrand. Auf den längeren Etappen, an denen ich mich nicht auf den Tripmaster konzentrieren muss, bleibt etwas Zeit sich mit dem Innenraum des Klassikers zu beschäftigen. Viel Raum bleibt mir und meinem Mitfahrer nicht, aber so sorgen unsere Schultern für den Seitenhalt den die grünen Ledersitze vermissen lassen. Abgesehen vom geringen Lebensraum, sitzt es sich nicht allzu schlecht. Die gut lesbaren Instrumenten versinken in einem in wagenfarbe lackiertem Armaturenbrett und liefern dem Fahrer die wichtigsten Informationen. Das im Verhältnis zur Wagengröße riesige Lenkrad lässt dem Fahrer nicht viel Raum für einen Wohlstandsbauch, doch ist der Wagen erstaunlich gut im Handling. Besonders pfiffig ist der festeingebaute Zigarettenanzünder und der an ein Flusensieb erinnernde Aschenbecher.

Wie im Film zieht die Mecklenburger Landschaft an uns vorbei und auch die Zeit vergeht leider wie im Fluge. Gefühlt sind wir gerade eben in Waren angekommen und schon geht es am nächsten Tag weiter in Richtung Hauptstadt zum Rallyeziel. Auf dem stillgelegten Militärflughafen in Groß Dölln wartet die breiteste Startpiste Europas darauf „erfahren“ zu werden. Spätestens hier werden die Vorteile der Konstruktion des 328 deutlich. Dank des leichten aber zugleich stabilen Rohrrahmens mit Kastenquerträgern läuft der Wagen recht stabil und bietet für einen so betagten Klassiker eine erstaunliche Spurtreue. Eine Rallye in einem historischen Rennwagen zu bestreiten bedeutet ein hohes Maß an körperlichem Einsatz. Ganz gleich ob lenken, schalten oder bremsen, für alles benötigt man – aufgrund fehlender Assistenzsysteme – etwas mehr Kraft als man es als Ottonormal-Kraftfahrer gewohnt ist. Ebenfalls gewöhnt man sich sehr schnell eine vorausschauende Fahrweise an, denn die Trommelbremsen des kleinen Prinzen lassen an Biss etwas vermissen.

Letztendlich erreichen wir am Samstag die Hauptstadt ohne ein einziges technisches Problem! Und auch im Großstadtverkehr fährt sich der BMW trotz vieler roter Ampelphasen tadellos. Dieser 71 Jahre alte Sportwagen hat ebenso wie unser Schwestermodell ohne Murren die 640 Kilometer überstanden, was nicht zuletzt auch der liebevollen Pflege unseres Serviceteams zu verdanken ist, die unsere beiden „Kleinen“ perfekt gepflegt und gehegt haben.

Der Abschied fällt schwer und auf dem Rückweg nach Hamburg vermisse ich den Blues des Motors, der mich drei Tage lang begleitet hat. Vielleicht auf ein Wiedersehen mit einem der schönsten Vorkriegsklassiker aus deutscher Produktion, einem von nur 403 BMW 328 Roadster Serienmodellen.

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Text: J. Philip Rathgen
Fotos: Peter Reichl



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