Bentley Arnage T (3)

Heckschleuder mit Mangel

Auf 1.800 Metern werde ich bei klarer Luft gut wach. Der Blick aus dem Fenster offenbart klarstes Wetter und den in der Morgensonne dösenden Schönling auf dem winzigen Parkplatz. Es ist der erste Morgen nach einem ganzen Tag mit dem Arnage und ich weiß nun, was mich erwartet: Liebevoll wiege ich den Zündschlüssel in meinen Händen - dieser Moment bleibt haften als Zeitpunkt innigster Befriedigung!

Nach deftigem Frühstück belebe ich die Brennräume des Blaublüters und kurve zur Hauptstraße zurück. Bei Santa Maria geht es hinauf zum Umbrailpass. Eine malerische, kaum befahrene Strecke, die unterhalb des Stilfser Jochs mündet. Ein Leckerbissen für den Hecktriebler, denn streckenweise handelt es sich beim Straßenbelag um feinkörnigen Sand. Zeit also, das ESP zu schonen...

Nachdem der Asphalt aufhört, taste ich mich vorsichtig an den Driftbereich heran. Und da! Der T kommt herum, mit Vorsicht zu genießen, aber mit guter Dosierbarkeit. Drift für Drift gelingt in dem einsamen Hochtal besser. Da ich das Kleingedruckte im Überlassungsvertrag jedoch nicht gelesen habe, werde ich nicht zu übermütig. Als der Teer wieder beginnt, lasse ich das ESP aus und teste sanfte Powerslides auf trockenem Grund.

Bentley Arnage T (3)Bentley Arnage T (3)

Der Motor gibt volles Feedback, keine Schwäche wie beim Malojapass mit ESP schmälert den Fahrspaß, und der Wagen klebt förmlich auf dem Asphalt. Nur wenn die breiten Pneus doch den Grip verlieren, ist Vorsicht geboten. Sanft Gas weggenommen und gegengelenkt. Hierbei empfinde ich die Übersetzung des Lenkgetriebes als etwas zu lang. Das Kurbeln am Volant ist nicht schlimm, könnte aber etwas reduzierter ausfallen.

Bei der Gangwahl vertraue ich nun nicht mehr auf den zuschaltbaren Sportmodus. Wild umherschaltend ist die Leistung immer dann da, wenn man sie nicht braucht und umgekehrt. Da lobe ich mir die manuelle Gangwahl im normalen Fahrmodus und tobe so, den Drehzahlmesser im Auge behaltend, um einiges sportlicher der Passhöhe entgegen. Übrigens ein Vergnügen, von dem schon Roger Moore mit seinem Turbo R schwärmte. Und obwohl ich nicht die Welt retten muss, teile ich seine Ansicht: Dieses Fahrzeug ist herausragend, zumindest auf ebener Erde und bergauf...

Nach einem kurzen Schlenker hinauf zum Stilfser Joch geht's über Spitzkehren hinab nach Bormio. Was mir schon am Ofenpass aufgefallen war, drängt sich nun wieder in Erinnerung: Eine Äußerung einer Bentley Fahrerin über die mangelhafte Motorbremswirkung ihres Azure Cabrios, welche bei langen Talfahrten zu massivem Einsatz der Fußbremse zwinge. Weil der Arnage scheinbar mit gleichem Getriebe gesegnet ist und ebenfalls nur das Runterschalten bis zum zweiten Gang erlaubt, ist die Bremswirkung des Motors tatsächlich mehr als dürftig! Ich stehe fast kontinuierlich auf der Bremse, die nach einigen Kehren auch noch beginnt, hässlich zu quietschen. Dabei fahre ich in einer Kolonne und jage nicht etwa zu Tale! Obwohl ich keinen Schwund an Bremskraft erkennen kann, muss man sich fragen, ob Bentley dieses Auto jemals bergab getestet hat...? Die besondere Kontrolle der Bremsanlage scheint somit eine lästige Pflicht zu sein, sofern man in den Bergen viel unterwegs ist und auf der sicheren Seite sein will.

Über Bormio setze ich die Reise fort und erklimme auf winzigen Straßen unter anderem den Vivione Pass nahe Edolo. Dieser ist eine besonders harte Nuss, da Ausweichstellen auf der Matchbox-Straße rar gesät sind. Nicht selten muss ich in der wildromantischen Gegend hunderte Meter zurücksetzen, um ein talwärts fahrendes Auto passieren zu lassen. Belohnt werde ich dafür mit traumhafter Natur und dem Gefühl, fahrerisch etwas geleistet zu haben. Denn gerade hier sind Vorsicht, schnelle Reaktion und eine gute Kenntnis der Dimensionen eines so großen Fahrzeuges oberstes Gebot. Dennoch, noch mal würde ich die Strecke mit so einem Schiff nicht fahren. Dafür sind der Arnage und mein Nervenkostüm schlicht nicht ausgelegt.

Auszeit am Lago Maggiore

Nach den Bergen folgt die Ebene. Meine Reise trägt mich an Mailand vorbei zum Lago Maggiore nach Pallanza. Einige Tage bleibe ich in der traumhaften Gegend, um mich von der Fahrerei etwas zu erholen. Bei kleinen Ausflügen mit dem Arnage entdecke ich über dem See romantische Ecken - bestens geeignet für ruhiges Relaxen abseits jeder Hektik.

Logiert wird in der Villa Azalea, einer kleinen, villenähnlichen Pension, wo sich Hausherr Enrico über den Besuch mit Bentley freut. Ein wenig Rangieren ist erforderlich, bis das lange Elend auf dem kleinen Parkplatz jeweils in die Parkposition gebracht ist. Im angrenzenden Parkgrundstück eines alten Palazzo hat der Brite am vorletzten Nachtmittag eine Verabredung mit Kamera und mediterraner Vegetation: Nach vielen Jahren Dornröschenschlaf öffnen sich die schweren, alten Eisentore am Fuße des Grundstücks. Enrico lotst mich behutsam in das verwunschene Reich. Völlig zugewachsen ist die alte Auffahrt, die der Arnage als erstes Fahrzeug seit vielen Jahren würdevoll empor klettern darf. In 7 Kehren schlängelt sich der Weg hinauf zum alten Palast und offeriert der Kamera zahllose Perspektiven. Mit gut gefüllten Filmen verbuche ich diesen Nachmittag als fotografischen Traumtag!

Über den Gotthard in die Schweiz



Nach Entspannung am Lago Maggiore reise ich an Locarno vorbei hinauf nach Airolo. Am Fuße des Gotthards suche und finde ich die Zufahrt zur alten Passstraße hinauf zum Gotthard. Mittlerweile habe ich den grauen Panther verinnerlicht und so nehme ich die Bergfahrt beherzt in Angriff. Es ist kaum zu fassen, auch hier bin ich fast allein. So jauchzen wir geräuschvoll um diverse Spitzkehren, ungläubig begafft von pausierenden Motorradfahrern, welche von der schieren Kraftentfaltung beeindruckt scheinen. Ein letztes Mal gibt der Arnage alles - und das ist viel – bis die Straße nass wird. Erst jetzt zeigt sich in den Kurven, welche Kräfte auf die Reifen wirken – Vorsicht ist geboten!

Bentley Arnage T (3)Bentley Arnage T (3)

Eindrücklich gestaltet sich die Abfahrt von der Passhöhe auf der nunmehr breiten Schnellstraße hinein in die Schweiz. Wir müssen uns schicken, der Arnage ist mit Seinesgleichen verabredet...

British Day with Friends

Zeit für die Navigation. Ich will nach Mollis im Kanton Glarus, denn dort erwarten uns Freunde mit ihren englischen Fahrzeugen. Problemlos leitet das System auf den alten Militärflugplatz, wo an diesem Tag ein Treffen britischer Fahrzeuge ansteht. Healey, Jaguar, Lagonda und Co. haben sich versammelt - und eben auch die Freunde André Burri und Roland Debrunner mit Rolls-Royce Silver Dawn bzw. Aston Martin AM V8. Gemeinsam stellen wir uns und die Fahrzeuge den interessierten Besuchern – hier gewinnt natürlich der Dawn die meisten Rosen!

Zum Tee beim Fürsten? Das nun doch nicht...

Am nächsten Tag entscheiden wir uns zu einer großen Rundfahrt. Mit seinem Rolls-Royce hat André Burri in der Tat ein mehr als würdiges Begleitfahrzeug parat, welches zudem ein praktisches Schiebedach besitzt. So kann Fotograf Christoph Engler hervorragende Bilder aus dem fahrenden Dawn schießen.

Auf Burris Vorschlag nehmen wir Liechtenstein ins Visier, welches wir über den Luziensteig erreichen wollen. Dazu geht's zuerst auf die Fähre über den Zürichsee und dann ab Pfäffikon auf die Autobahn bis Maienfeld. Ganz geruhsam, versteht sich, denn der Silver Dawn soll ja noch länger halten. Hier fahren wir ab und genießen auf der Fahrt zum Heidibrunnen die Aussicht ins Tal.

Bei einem Weinlokal verköstigt sich die Rolls-Royce- und Bentley Entourage aufs Feinste. Danach ist André Burri an der Reihe. Wir lassen den Dawn nahe der der Kaserne Luziensteig stehen und ich nehme erstmals auf den elektrischen Einzelsitzen im Fond des Wagens platz.

Rauf nach Malbun/ Liechtenstein

Auch nicht schlecht! Die Beinfreiheit im Fond des Fahrzeugs ist sehr gut und die Ergonomie der Sitze famos. Auch die Verarbeitung wirkt so gediegen wie in der vorderen Reihe. Doch als ob ich es geahnt hätte: Der Virus hat auch den Oldtimerfahrer befallen und so muss ich mich in den Kurven hinauf nach Malbun einhalten. An der fürstlichen Burg fliegen wir genauso vorbei, wie durch den Verbindungstunnel hinauf ins abgelegene Hochtal Liechtensteins.

Ich sage nichts, sondern grinse nur über den mir unbekannten Fahrstil meines Bekannten.. Und während der Fotograf noch eifrig den Auslöser betätig, erreichen wir weit hinter Malbun die höchste, anfahrbare Stelle Liechtensteins. Unterhalb des Nenzinger Himmels schwitzt der Arnage in absoluter Einsamkeit. Und wir mit ihm.

Gedanken bei 270

Die Heimreise nach München am nächsten Tag birgt bis auf das Ausfahren des Arnage auf deutscher Autobahn keine besonderen Vorkommnisse mehr. Mein Ehrgeiz, das Auto zu seinen Grenzen zu führen, ist nach kurzzeitigem Erreichen der absoluten Höchstgeschwindigkeit endgültig gestillt. Tief befriedigt resümiere ich bei angenehmer Reisegeschwindigkeit die letzte Woche. Ich durfte mit einem Auto der absoluten Superklasse unterwegs sein, einem wahren Traumwagen, der das meiste, was auf vier Rädern unterwegs war, bequem in die Tasche steckte. Tatsache! Ich habe den Briten in mein Herz geschlossen, und so was kommt bei mir selten vor! Dass am Ende der Fahrersitz locker ist und sich elektrisch nicht mehr verstellen lässt, wirkt vor dem Hintergrund der anderen Superlative fast schon erfreulich menschlich. Und auch die Mankos der Navigation und des wenig kraftschlüssigen Getriebes sind verkraftbar - schließlich war ein Bentley noch nie vollkommen. Und will es gar nicht sein...

Das Classic Driver Fazit:

Ganz klar: Der Arnage T stellt für sportliche Fahrer, die auf die Vorzüge eines extrem luxuriösen Viertürers nicht verzichten wollen, ein verlockendes Angebot dar. Jeder, der dieses Auto sein Eigen nennen darf, ist schlicht zu beneiden. Daran ändern auch die Macken nichts, die beim Test offenkundig wurden.

Dennoch: Top bezahlte Extremsportler tun gut daran, sich fit zu halten und gesundheitliche Schwächen auszumerzen. Alles andere nagt am Marktwert. Und das gilt auch für den Arnage.

Alpines Powerplay – Teil 1
Extremsportler bewegen sich in dünner Luft, sind sie doch stets mit abverlangten Höchstleistungen konfrontiert. Was bei Sportskanonen üblich ist, gilt auch für Hersteller wie Bentley. Ulrich J. Lehmann begab sich für Classic Driver mit dem aktuellen Arnage T auf Testfahrt. Der Muskelprotz wurde über Pässe gescheucht, auf Autobahnen getrieben...weiter >>

Alpines Powerplay – Teil 2
Vor und hinter mir kein Auto - ich beschleunige. Abrupt hievt der V8 die 2,6 Tonnen schwere Limousine in eine andere Geschwindigkeitsregion. Sofort fällt mir der nochmals kultiviertere Motorlauf im Vergleich zum den älteren Arnage V8 auf, die noch mit einem großen Garrett T4 Turbolader versehen waren...weiter >>

Der Autor: Ulrich J. Lehmann ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die Rolls-Royce- und Bentley Zeitschrift „Alpine Eagle“ des Rolls-Royce Enthusiasts’ Club Schweiz. Schwerpunkte seiner Arbeit bilden Beiträge und Testberichte über neue Produkte der beiden Englischen Marken. Privat kümmert sich der Münchner um seinen Silver Shadow II und organisiert Rallyes und Ausfahrten mit Enthusiasten. Kontakt zum Autor: [email protected]

Text: Ulrich Lehmann
Fotos: Ulrich Lehmann & Christoph Engler


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