Wall Street Supercars: Schnelles Geld, schnelle Autos

Automobiles Understatement war bei den New Yorker Brokern der 1980er und 1990er Jahre Fehlanzeige. Ihre Millionen-Dollar-Boni investierten die „Wall Street Boys“ nur in die schnellsten, lautesten und teuersten Statussymbole jenseits aller Geschmacksgrenzen. Ein Blick zurück.

Strech as strech can - Auf die Länge kommt’s an

Die schwarze Lincoln Town Car Stretch-Limousine mit der Bumerang-TV-Antenne auf dem Heck gehörte in den 1980er und 1990er Jahren – neben der Rolex, dem Armani-Anzug und der schwarzen Amex – zur Basisausstattung eines statusbewussten Wall-Street-Bankers. In Don DeLillos großartigem Roman „Cosmopolis“ verlässt der 28-jährige Asset Manager und Multi-Milliardär Eric Parker seine mit Carrara-Marmor und zahllosen Bildschirmen ausgestattete Limousine nicht mal mehr für den Besuch beim Urologen. Dass es in der Realität immer noch einen Tick extravaganter ging, beiweisen die absurden Stretch-Kreationen von Jay Ohrberg: Wer mit einem zehnrädrigen Ferrari F40 oder einer 30-Meter-Limousine samt Hubschrauberlandeplatz durch Lower Manhattan fuhr, hatte wohl im ewigen Konkurrenzkampf wenigsten ein paar Tage Ruhe

European with a twist

Natürlich waren auch europäische Sportwagen bei den Wall-Street-Bankern hoch im Kurs. Ein Ferrari Testarossa, Lamborghini Countach oder Porsche Flatnose-Turbo für die Wochenend-Ausfahrt in die Hamptons oder das nächtliche Straßenrennen durch den Holland-Tunnel sorgte im Büro für uneingeschränkte Anerkennung. Allerdings durfte bei der Ausstattung auf keinen Fall gespart werden – und neben den ohnehin schon gruseligen US-Spoilern und Schürzen erhielten viele italienische und deutsche Sportwagen das volle „Bling Bling Treatment“. Mittlerweile sind 1980er-Jahre-Lamborghinis mit Doppelspoilern und Goldfelgen bei Sammlern wieder als besondere Raritäten gefragt.

American Muscle

Für die Patrioten unter den Bankern gab es derweil nur einen annehmbaren Supersportwagen – den Vector. Schon seit den frühen 1970ern hatten Gerald Wiegert und Lee Brown an ihrem eigenen Prototypen gearbeitet, 1989 lief endlich der erste Vector W8 vom Band. Den Zuschlag erhielt jedoch kein Wall-Street-Manager, sondern André Agassi. Doch der Tennisstar hatte nur wenig Freude an seinem 450.000.-Dollar-Katapult, dessen Sieben-Liter-Motor einfach nicht laufen wollte. Insgesamt wurden knapp 20 Autos für Kunden gebaut – wohl gerade deshalb blieb der Vector eines der Poster-Cars der goldenen Wall-Street-Jahre.

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