Rolls-Royce Wraith: Wenn die Dunkelheit kommt

Wenn nachts in Wien der Nebel aufzieht, kann man ihn mit etwas Glück sehen – den neuen Rolls-Royce Wraith, wie er lautlos durch die Gassen geistert. Wir haben den Spuk begleitet.

Die Geisterbeschwörung hat Tradition bei Rolls-Royce.

Nach Phantom und Ghost also der Wraith, das Gespenst. Die Geisterbeschwörung hat Tradition bei Rolls-Royce – schon 1938 rollte der erste Wraith durch die Straßen Großbritanniens. Und auch den neuen Spuk wird man wohl noch seltener zu Gesicht bekommen, als die anderen flüchtigen Geisterscheinungen aus Goodwood: Mehr als fünf Meter misst das gewaltige, geduckt wirkende Coupé – und wer den „Spirit“ der automobilen Königsklasse wirklich erleben möchte, sollte bereit sein, auf den Grundpreis von rund 280.000 Euro nochmals einige Zehntausende draufzulegen, um in den Genuss der besten Ausstattung zu kommen. Doch was sprechen wir hier über schnödes Geld: Im Gegensatz zur weniger hochwohlgeborenen Konkurrenz spricht man in einem Rolls-Royce nicht über den schöden Mammon, man genießt ihn in vollen Zügen.

Two-tone with a twist

Der Phantom mag der eindrucksvollste Rolls-Royce sein – der Wraith, der vor uns im Schein einer Wiener Straßenlaterne glänzt, ist sicherlich der exaltierteste. Designchef Giles Taylor ließ sich, als er das Fastback-Design am Ufer des Chiemsees erstmals mit einigen Strichen zu Papier brachte, nicht nur vom klassischen Wraith von 1938 mit seiner wundervollen Erdmann-und-Rossi-Karosserie inspirieren, sondern auch vom Cisitalia 202 von 1947 mit seinen perfekten Proportionen. Wie bei einer großen Segelyacht spannt sich die Schulterlinie von Front bis Heck in tiefem Salamanca Blue, darüber schwebt das elegant nach hinten auslaufende Coupé-Dach in leichtem Jubilee Silver. Two-tone with a twist. Auch der Innenraum – oder sollen wir sagen Salon? – könnte kaum stimmiger ausgestattet sein: Leder in Muschelweiss und Navyblau, dazu schwarzer Klavierlack und Palisanderholz, dessen Schatierung an einen heftigen englischen Herbstregen erinnert. Zur Geisterstunde empfiehlt es sich zudem, den handgesetzten Sternenhimmel einzuschalten, der – halten Sie sich fest – auf Wunsch sogar der kosmischen Konstellation zur eigenen Geburtsstunde nachempfunden wird.

Dynamisch, aber nicht sportlich

Von Wien aus führt unsere Route am nächsten Morgen in die nebelverhangenen Wälder der Steiermark, wo wir dem wohlerzogenen Gentleman’s GT ein wenig die Sporen geben wollen.  Der Rolls-Royce Wraith ist das dynamischste Modell in der Geschichte des Hauses, unter der langen Haube arbeitet ein Zwölfzylinder mit 632 PS und 800 Newtonmetern Drehmoment. Doch wagen Sie es nicht, den Begriff „Sportlichkeit“ in den Raum zu stellen! Der Wraith soll kein Bentley sein, mit dem man auf luxuriöse Kurvenhatz geht, sondern ein schneller Gleiter mit dem gewissen Plus an Agilität. Und tatsächlich: Das Coupé schiebt noch etwas müheloser über die Landstraße nach vorn, als Phantom und Ghost. Wer möchte, kann sogar in 4,4 Sekunden von 0 auf Tempo 100 fliegen und dabei von weit vorn ein dumpfes Dröhnen vernehmen. Seine Containance verliert der Wraith dabei jedoch nie.

Das Geheimnis des Gespensts

Auch das Gewicht von gut 2,3 Tonnen bleibt dem Fahrer vor allem auf kurvigen Etappen stets bewusst. Und so beginnt man langsam zu verstehen, wie der Wraith behandelt werden möchte. Sanft lässt man das Coupé mit leichtem Druck in die Pedalerie nach vorne schnellen, korrigiert mit den Fingerspitzen den Kurs, und genießt dabei das Gefühl absoluter Mühelosigkeit. Es ist ein besonderes Konzept, das sich in einer Welt der kraftmeierischen GTs nicht jedem sofort erschließt – doch ist der Penny erst einmal gefallen, erschließt sich plötzlich auch, warum der neueste Rolls-Royce keinen Stier, sondern wieder einmal ein Gespenst im Namen trägt.

Fotos: Barry Hayden