Porsche 356 Gmünd Coupé – Filmreifes Comeback für einen Le Mans Sieger

Als Rod Emory und Cameron Healy erstmals diesen Porsche in Roadster-Form erblickten, konnten sie nicht ahnen, ein echtes 356 Gmünd SL Coupé vor Augen zu haben. Und sogar jenes, das als erster Porsche in Le Mans etwas gewann. Die Story eines hollywoodreifen Comebacks.

Was macht man nur mit einem Le Mans-Klassensieger, wenn seine aktive Zeit abgelaufen und er in Pension geschickt wird? Porsche jedenfalls schien keine sentimentalen Regungen verspürt zu haben, nachdem ein 356 Gmünd SL Coupé im Jahr 1951 in Le Mans mit den Franzosen Auguste Veuillet und Edmond Mouche  die Klasse bis 1100 cm3 gewonnen und zugleich Platz 20 im Gesamtklassement errungen hatte. Es war Porsches erster Auftritt auf großer internationaler Tribüne. Ursprünglich war der Start mit drei Wagen geplant, doch nachdem zwei Autos bei einem Test und einem Unfall auf dem Weg nach Frankreich derangiert wurden, blieb es bei der Solo-Nennung. Besetzt wurde das Coupé – aus Rücksicht auf nationale Empfindlichkeiten – mit zwei einheimischen Piloten. Der Krieg war schließlich erst sechs Jahren vorbei. 

Mit einem zurückgetunten Motor im Heck wurde der Wagen mit Chassisnummer #063 vom legendären Ostküsten-Händler Max Hoffman in die USA exportiert und weiter an den kalifornischen Rennfahrer John von Neumann verkauft. Um das Auto wettbewerbsfähiger zu machen, entfernte dieser als erstes das Dach des Alu-Coupés. 1957 ging der frisch gebackene Roadster an Chuck Forge, der den Wagen bis zu seinem Tod 2009 pflegte und fleißig bei historischen Rennen einsetzte. Nur wenige Leute, die den kleinen roten Porsche über die Jahre erlebten, haben wohl etwas von seiner prominenten Le-Mans-Historie geahnt. So erging es auch Cameron Healy, einem eingefleischten Porsche-Fan und einem der ersten Kunden, die bei Restaurator Rod Emory einen „Outlaw“-356 bestellten. Seit er den „little red Porsche“ erstmals bei der Monterey Motorsports Reunion erblickt hatte, träumte er davon, ihn eines Tages zu besitzen. Als dann Forge verstarb, wurde sein Traum Wirklichkeit. 

Healy sicherte sich die Dienste von Rod Emory – Gründer von Emory Motorsports. Der hatte gerade für seine "Restomod"-Porsche 356 den Begriff „Outlaw“ ersonnen. Während einer dem Kauf vorausgehenden Inspektion kam man aufgrund einer Reihe von Abweichungen zu dem Schluss, dass es sich hier um das in Le Mans siegreiche Gmünd SL Coupé handeln könnte. Doch erst nach zwei Jahren automobilhistorischer Archäologie wurden die Vermutungen von Emory und Healey zur Gewissheit. Worauf die Entscheidung fiel, das Auto auf genau jenen Stand zurückzubringen, in dem es 1951 auf dem Circuit de la Sarthe an den Start gegangen war. 

Für Ferry Porsche war in den späten 1940er Jahren die Umwandlung seines ersten Roadster-Prototypen in ein Coupé ein logischer Schritt gewesen. Rund 50 straßentaugliche Coupés mit Alu-Karosserie wurden im österreichischen Gmünd hergestellt – wohin Porsche noch während des Krieges fliehen musste. Nach der 1951 erfolgten Rückkehr nach Stuttgart wurden übriggebliebene Gmünd-Karosserien zum Bau erster Renn-356er genutzt. Sollten sie Erfolg haben, so die Hoffnung, könnte sich der Motorsport als lukrativer Geschäftszweig für das noch kleine Unternehmen erweisen. Mit Verbesserungen wie einem größeren Tank und voll verkleideten Rädern wurde das SL Coupé (das Kürzel stand wie bei Mercedes für „Sport Leicht“) geboren. Die 24 Stunden von Le Mans im Sommer 1951 waren seine Jungfernfahrt. Das 46 PS starke Alu-Coupé legte die 24 Stunden mit einem Schnitt von 118,36 km/h zurück. Seinen ersten Erfolg verdankte Porsche vor allem der hohen Zuverlässigkeit – später ein Synonym für Porsche bei Langstreckenrennen. 

Das größte Anfangshindernis für das Team rund um Rod Emory bestand in der Tatsache, dass es sich beim Wagen mit Chassisnummer #063 nicht mehr um ein Coupé handelte. Daher mussten von Grund auf eine neue Dachpartie, ein Armaturenträger und auch innere Karosseriestrukturen neu angefertigt werden. Dazu nutzten die Amerikaner eine 3D-Scanner-Technologie, um auf dieser Basis einen originalgetreuen hölzernem „Styling Buck“zu bauen. Über dem wurden dann die Aluminium-Bleche per Hand in die korrekte Form gedengelt. Emory ist stolz darauf, traditionelle Handwerkstechniken angewandt zu haben, was dem Finish der Außenhaut auch nur guttun konnte. Wo es keine Original-Teile mehr gab, wurden sie in Eigenregie nach Original-Spezifikationen nachgefertigt. 

Für Emory war es ein Hochgenuss, an so einem frühen Gmünd-356 Hand anlegen zu dürfen. Haben ihn doch viele Details wie die vergitterten Scheinwerfer oder die Lederriemen der Fronthaube auch bei seinen eigenen „Outlaw“-Modellen inspiriert. Aus jedem Blickwinkel wirkt der fertige Porsche einfach göttlich. Doch erst beim Blick auf die Details wird deutlich, wie gewissenhaft vorgegangen wurde. Ehrlich gesagt können wir uns an kein Auto erinnern, dass so authentisch restauriert wurde wie dieses – kein Stein blieb auf dem anderen. Als Beispiel nehme man nur den hinter den Sitzen platzierten Werkzeugkasten. Darin enthalten ist unter anderem ein Wischerblatt, das man bei Ausfall der Hauptscheibenwischer an einer am oberen Rand der Windschutzscheibe angebrachten Aufnahme einstecken konnte. Der Beifahrersitz ließ sich in eine Liegeposition bringen – man bedenke, dass der Wagen damals auf eigener Achse nach Le Mans und von dort auch wieder zurück nach Hause fuhr. Und schauen Sie mal genauer auf den kleinen Schlitz zwischen den beiden Zusatzscheinwerfern – der konnte vom Cockpit aus geöffnet werden, wenn Fahrer und Auto nach mehr Durchzug verlangten. Indem Emory hunderte von zeitgenössischen Fotos unter die Lupe nahm, entdeckte er sogar nur diesem Auto innewohnende Eigenheiten wie die kleine Delle in der hinteren linken Radverkleidung – verursacht während des Rennens von den Mechanikern bei einem etwas hektischen Reifenwechsel. Oder den rechte Zusatzscheinwerfer. Um den Scheitelpunkt der in Le Mans meisten rechts herumführenden Kurven besser auszuleuchten, peilt er die Fahrbahn etwas tiefstehender an als sein Gegenstück auf der linken Seite. 

Denkt man an Porsche und Le Mans, tauchen vor dem inneren Auge automatisch in Gulf-Farben lackierte 917er Langhecks auf, wie sie mit fast 400 km/h die noch ohne Schikanen gespickte Hunaudières-Gerade herunterfliegen. Oder Jacky Ickx, wie er mit seinem Rothmans-956 die Dunlop-Kurve durchmisst. Doch war es dieser bescheidene 356, der Porsches bis heute nicht enden wollenden Siegeszug in Le Mans begründete. Das Werk erkannte 2015 die Echtheit des Modells an und lud Healey ein, das damals erst halb fertig restaurierte Auto auf der Rennsport Reunion in Laguna Seca zu zeigen. Es folgte ein Auftritt in Pebble Beach, und nun hofft Healey, den Wagen eines Tages auch noch an seinen Ursprungsort zurückführen zu können, nach Le Mans. Bis dahin müssen der Glitz und Glamour von Hollywood genügen – wahrhaft auch keine schlechte Location für diesen legendären GT-Wagen.

Photos: Drew Phillips

Sie finden eine große Auswahl von zum Verkauf stehenden Porsche 356 im Classic Driver Markt, darunter auch einige noch in Gmünd gebaute Modelle.

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