Luigi Chinetti Junior erzählt die Geschichte der Ferrari NART Spyder

Es gibt wohl kaum einen betörenderen Ferrari der 60er-Jahre als den 275 GTS/4 NART Spyder. Aus Anlass der Versteigerung des letzten von zehn Exemplaren beim RM Sotheby’s Monaco Sale im Mai sprachen wir mit Luigi Chinetti Jnr über das von seinem Vater initiierte Modell.

Im Gegensatz zur sinnlichen und weichgespülten Berlinetta war die vom Werk angebotene offene GTS Variante des Ferrari 275 auf positive Weise altbacken. Zugleich ließen sich die GTB Coupés in den USA auch nicht leicht verkaufen, wie der Sohn des damals einzigen offiziellen Ferrari-Importeurs für die Staaten, Luigi Chinetti Snr., weiss: „Es ist bekannt, dass ich nicht besonders begeistert von den GTBs bin“, sagt der Junior. „Auch, weil die Konkurrenz in Gestalt von Maserati und Lamborghini die Absätze bremste. Ich wundere mich bis heute, warum Ferrari überhaupt den GTB gebracht hat – wenn man bedenkt, dass der Vorgänger der technisch weitaus fortschrittlichere 250 LM war. Mit synchronisiertem Getriebe und leicht zurückgenommener Leistung hätte er ein fantastisches Straßenmodel abgeben können...“ 

Die Sonnenschein-Staaten 

Die Vereinigten Staaten sind seit jeher ein dankbarer Markt für Cabriolets. „Man hat in Gegenden wie Kalifornien meistens gutes Wetter, und die Leute dort stellen ihre Autos gerne zur Schau“, sagt Chinetti Jnr. Es verwunderte daher wenig, dass Kunden seines Vaters begannen, nach einer etwas sportlicheren Spielart des 275 GTS zu fragen.

Für Vater Chinetti reichte der Anblick des von Tom Meade auf Basis eines 250 geformten Nembo Spyder (und vielleicht auch rosige Erinnerungen an den 250 GT California Spyder), um seinen alten Freund Enzo Ferrari zu kontaktieren. Aus dem Gespräch entstand der NART Spyder – im Grunde ein GTB/4 mit abgesägtem Dach. 25 davon sollten bei Scaglietti entstehen, doch am Ende wurden es in den Jahren 1967 und 1968 gerade mal zehn. „Wir hatten die Nachfrage höher eingeschätzt, als sie dann tatsächlich war“, bekennt Chinetti Jnr. „Es gab halt immer wieder mal Autos, die gleich nach ihrer Einführung erst einmal wie Blei im Showroom standen. Nehmen Sie zum Beispiel den Dino. Hätten wir nicht die Dino- gegen Ferrari-Abzeichen ausgetauscht, hätten wir vielleicht keinen einzigen verkauft!“ 

Ästhetischer als das Coupé

Dabei war der finale NART Spyder ein absoluter Traum und ästhetisch eindeutig überzeugender als das Coupé. „Viele Leute halten den NART Spyder heute für einen der schönsten Wagen der Welt. Für mich ist er fraglos einer der hübschesten Ferrari aller Zeiten, doch nicht solch ein Trendsetter wie der Jaguar E-type oder der Maserati Ghibli. Trotzdem war er das einzige Modell aus der 275er-Reihe, das seinen Einsatzweck optimal erfüllte. Er war ein Auto, in dem man gerne vorfuhr...“

Der am 14. Mai beim Monaco Sale von RM Sotheby’s zur Versteigerung stehende Wagen ist das letzte Exemplar der Serie und kurioserweise der einzige in Europa statt in den USA verkaufte 275 GTS/4 NART Spyder. Der glückliche Käufer war ein Oberst der spanischen Fremdenlegion, der das Auto in der geschmackvollen Kombination aus der Außenfarbe Grigio Scuro (ein mittleres Grau) mit schwarzem Interieur bestellte.  

Nachdem er durch die Hände einiger Nachbesitzer ging (RM geht von insgesamt fünf früheren 250 GTO-Sammlern aus), wurde der NART Spyder wieder in einem dunklen Metallic Rot lackiert. Sehr zur Freude von Chinetti Jnr. „Ich kann Ferraris in der Standardfarbe Rot nicht viel abgewinnen. Sie steht nur gewissen Wagen, nicht aber zum Beispiel einem 250 GTE 2+2. Das dunkle Rot gefällt mir sehr, doch ist meine Lieblingsfarbe für den NART Spyder ein dunkles Metallic Blau.“ Wären wir die glücklichen neuen Besitzer, würden wir auch nicht auf das frühere Grau zurückschwenken – obwohl das Interieur in Cognac dürfte gerne so bleiben.... 

Fünf Minuten reichten zum Ruhm

Ein kurzer Auftritt im Hollywood Blockbuster Die Thomas Crown Affäre mit Steve McQueen reichte aus, um den NART Spyder zum Traumwagen jedes gut situierten Garagenbesitzers zu machen. Diesen Status behielt er auch deshalb, weil sich seine Besitzer ungern wieder von ihm trennten. „Wir haben zehn verkauft, und die Besitzer haben die Autos weitaus länger behalten als zum Beispiel den regulären 275 GTB“, sagt Chinetti.

Heute gehört der Ferrari 275 GTS/4 NART Spyder zu den absoluten Top Acts im internationalen Auktions-Business – und so wirkt der von RM Sotheby’s aufgerufene Schätzpreis von 19 bis 23 Millionen Euro adäquat. „Ich weiß nicht, ob er damals so besonders war, wie er es heutzutage geworden ist“, sinniert Chinetti, der den realen Wert des Modells durchaus pragmatisch sieht. „Er wirkt wohl im Gedächtnis vieler Liebhaber besser nach, als er in Wirklichkeit ist. Andererseits kam vor kurzem ein Gemälde von Norman Rockwell für 40 Millionen Dollar unter den Hammer - dagegen ist dieser Ferrari ein Schnäppchen. Und haben Sie jemals versucht, einen Picasso zu fahren?“ 

Fotos: Tim Gidden für RM Sotheby’s © 2016 / Getty Images.

Sie finden diesen Ferrari 275 GTS/4 NART Spyder im Classic Driver Markt, zusammen mit dem gesamten Katalog des RM Sotheby’s Monaco Sale vom 14. Mai 2016.