Jaguar XJ S/C Supersport: King of New England

 

Der Preppy Look ist Stil der Stunde. Von Berlin bis Buenos Aires kleidet sich die urbane Jugend derzeit so nachlässig-elitär, als käme sie direkt vom Yale-Absolventensegeln 1956 vor Cape Cod. Eigentlich logisch, dass nun auch die Traditionsmarke Jaguar zur Ausfahrt mit der neuesten Sportlimousine ins vermeintliche „Preppizentrum“ nach Neuengland lädt.

Jede Stilbewegung provoziert ihre Gegenreaktion – und so schwappt nach der kalifornisch geprägten „Bling Bling“-Ära der Nullerjahre nun der schnodderig-schnieke Understatement-Dresscode der amerikanischen Ostküsten-Society um die Welt. Zu den Erkennungszeichen gehören: Oxford- oder Polohemden, bunte Chino-Hosen, Navy Blazer (mit Hundehaaren), Penny Loafers (ohne Socken), alles möglichst in dritter oder vierter Generation getragen. Wer sich Neuengland im Umkehrschluss wie eine begehbare Ralph-Lauren-Kampagne vorstellt, sitzt dennoch einem Vorurteil auf. Zumindest jetzt, im Frühjahr, ist von nahtlos gebräunten Ted-Kennedy-Doppelgängern in ausgeblichenen roten Shorts oder schlacksigen Milliardenerbinnen mit verbeulten Vintage-Volvos nicht viel zu sehen – die Saison beginnt in Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont frühestens im Mai. Umso unwirklicher erscheint uns die nicht nur menschenleere, sondern auch noch recht kahle Landschaft, als wir mit unserem Jaguar vom Boston Airport in Richtung Südwesten, auf die Atlantik-Halbinsel Cape Cod, gleiten.

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Mit dem leistungsstarken XJ S/C Supersport möchte Jaguar auch an der Ostküste frischen Wind in die Oberklasse-Familie bringen, unterstützend werden derzeit auf der New York Auto Show die frisch gelifteten Modellreihen XF und XK präsentiert. Hier in Neuengland spricht man britisches Amerikanisch, bevorzugt „Good Afternoon“ zur Begrüßung und klopft nicht jedem Wildfremden auf die Schulter. Eine ideale Jaguar-Kolonie, sollte man meinen. Tatsächlich sieht man auf den amerikanischen Straßen jedoch nur wenige europäische Fabrikate – geschweige denn derart exotische Vertreter wie einen Jaguar. Ob sich die neuengländischen Traditionsfamilien, so es sie denn überhaupt noch gibt, für das britische Topmodell begeistern werden, ist ungewiss. Mit seiner Abkehr vom traditionellen Barock-Design und dem umfassenden Bekenntnis zur automobilen Moderne entspricht der XJ natürlich nicht dem Ostküsten-Gebot der visuellen Bescheidenheit – Scheinwerfer und Kühlergrill wirken sogar noch grimmig-aggressiver als bei den vergleichsweise beliebten Oberklasse-Limousinen von Audi, BMW oder Lexus. Auch bei der Innenraum-Gestaltung ist Jaguar-Designchef Ian Callum mit der Zeit gegangen. Lack und Edelholz stehen zwar nach wie vor für einen klassischen Luxus-Begriff, doch allein die volldigitalen Armaturen signalisieren, dass Jaguarfahren keine Nostalgieveranstaltung mehr ist.

 

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Zurückgenommen hat man sich für den amerikanischen Markt derweil bei der Leistung: Während der 5,0 Liter V8-Kompressormotor in Europa stolze 510 PS stemmt, wählen die US-Kunden meist die auf 470 PS gedrosselte Variante. Bei einem Tempolimit von 65 Meilen pro Stunde kein großer Verlust. Dafür darf es in Amerika gern etwas länger sein – rund 85 Prozent der XJ-Kunden entscheiden sich für die um 12 Zentimeter gestreckte Langversion. Das kommt in den Semesterferien den hochgewachsenen Enkeln zu Gute, ist aber auch ästhetisch die richtige Entscheidung, schließlich machen der größere Radstand und die gestreckte Dachlinie den Jaguar XJ L zu einer noch stimmigeren Erscheinung, die sich in entsprechend dezenter Lackierung wirklich wunderbar in die ländlich-pittoresken Landschaften Neuenglands einfügen kann. Auf Cape Cod, wo einst die Walfänger in See stachen und seit dem 20. Jahrhundert die wohlhabende Old-Money-Gesellschaft aus Boston und New York ihre Sommerfrische in gregorianischen Holzvillen verbringt, sind grelle Farben höchstens den exzellenten Hummern vorbehalten, die man an jedem besseren Road Grill angeboten bekommt.

Jaguar XJ S/C Supersport: King of New England

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Von Hyannis Port, dem Sommersitz der Kennedys im Süden von Cape Cod, kann man per Fähre auf die vorgelagerten Inseln Martha’s Vineyard und Nantucket übersetzen – Letztere inspirierte Edgar Allan Poe und Herman Mellville, der den einstigen Walfängerort in seinem Moby Dick verewigte. Als menschenscheuer Schriftsteller sollte man die Inseln zwischen Mai und August, wenn sich die Einwohnerzahlen verfünffachen, und im Oktober, wenn sich die Laubwälder Neuenglands zum Indian Summer feuerrot färben, eher meiden. In der Vorsaison jedoch, wenn morgens noch oft der Nebel über die Küste kriecht, ist die Region ein ideales Rückzugsgebiet zur mentalen Entschleunigung. Dumm nur, wenn vor der Veranda der Kompressor-Sportwagen ungeduldig darauf wartet, über die Landstraßen gescheucht zu werden. Schweren Herzens, und nicht ohne ein ordentliches Frühstück, starten wir den Motor in Richtung Newport, unserem nächsten Ziel.

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Der Wehmut hält nicht lange an, denn bei gedrückter Sport-Taste erwacht nicht nur der Achtzylinder zum Leben, auch das Armaturen-Display leuchtet in angrifflustigem rot – und lässt dringend auf einen Bezirkssheriff im Winterschlaf hoffen. Mit 625 Nm Drehmoment ist der Schub des Kompressormotors tatsächlich immens, dank Aluminium-Chassis ist die langgestreckte Limousine auch vergleichsweise leicht und entsprechend schnell jenseits der legalen 105 km/h. Die Möglichkeit, per Lenkradpaddel selbst Hand anzulegen, nehmen wir trotzdem nicht wahr – die Sechsgangautomatik verrichtet ihren Dienst schließlich auf feinste englische Art. Auch das adaptive Fahrwerk, das sich den mitunter recht holperigen Landstraßen automatisch anpasst, und die aktive Differentialsperre, über die stets das Rad mit der besten Traktion die meiste Motorkraft erhält, sorgen für ein stimmiges Verhältnis zwischen Sportlichkeit und Komfort, was man in letzten Jahren nicht allen Jaguar-Modellen bescheinigen konnte. Auch beim entspannten Cruisen auf dem Highway tanzt der Supersport nicht aus der Reihe und lässt sich per Tempomat sogar betont amerikanisch fahren.

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Ankunft in Newport, das während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges von den Briten eingenommen und teilweise zerstört wurde. Feindselige Reaktionen auf unser englisches Elite-Automobil bleiben glücklicherweise aus, man ist an Dekadenzen anderen Formats gewöhnt. Ende des 19. Jahrhunderts nämlich entdeckten amerikanische Superreiche wie die Vanderbilts und die Astors den Küstenort als Sommerdomizil und ließen sich entlang der Bellevue Avenue ihre sogenannten „Summer Cottages“ bauen – verschwenderische Prachtbauten, die es in Ausmaßen und Opulenz mit den Palästen der europäischen Königshäuser aufnehmen konnten. Im majestätischen Rosecliff Mansion wurde Der große Gatsby gedreht, auf dem Anwesen der Hammersmith Farm gaben John F. und Jackie Kennedy ihren Hochzeitsempfang. Auch Sportgeschichte wurde hier geschrieben – Newport gilt als Austragungsort der ersten amerikanischen Tennis- und Golf-Open sowie als Heimat des America’s Cup. Zu gerne würde man ein paar Tage durch die Mansions streifen, um den Glanz und Glamour der „Goldenen Ära“ einzufangen, doch die Realität ruft: Unser finales Reiseziel ist Manhattan, brodelnde Millionen-Metropole und ruheloser Gegenpol zur unaufgeregten Nonchalance Neuenglands.

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Und tatsächlich: Nachdem wir zwischen Boston, Cape Cod und Newport nicht einen einzigen Preppy in Segeltuchjacke und Brooks-Brothers-Chinos entdecken konnten, sind die falschen Ivy-League-Studenten in Tribeca, Soho und Greenwich Village wieder allgegenwärtig. In den Showrooms von Tommy Hilfiger und Co locken bunte Segelschuhe, mit Meersalz künstlich gealtert. Und während wir bei leichtem Nieselregen durch die Taxi-Ströme von Lower Manhattan gleiten, glauben wir unter den vorbeieilenden Regenschirmen immer wieder den jungen JFK oder die junge Jacqueline Bouvier auf dem Weg zum Tennis-Training zu erspähen. In New York wirkten die Simulationen schon immer realer als die Realität – doch jede Illusion endet abrupt, sobald man das erste Schlagloch durchfährt. Dass Jaguars Offroad-Schwester Land Rover ausgerechnet in Manhattan weltweit die meisten Autos verkauft, dürfte zumindest die Bewohner von Big Apple nicht überraschen.

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In der Bibliothek eines New Yorker Hotels treffen wir den Schauspieler und Oscar-Preisträger Christoph Waltz, der seit kurzem als Marken-Botschafter einen Jaguar XFR besitzt – ebenfalls Supercharged, ebenfalls mehr als 500 PS stark. Er sei eher ein ängstlicher Fahrer, sagt der Star aus Quentin Tarantinos Iglorious Basterds. Er schätze den Sportmotor aus Gründen der Sicherheit: Um eben schneller zu sein, wenn es eng werden sollte. Auch unser Kompressor kommt später, in den Häuserschluchten, erstmals gezielt zum Einsatz – als Waffe im Kampf um die Pole Position, die während der Rush Hour durchaus entscheidend ist. Zwischen New York und New England liegen keine 400 Kilometer, und doch sind es in diesem Moment Welten.

Text & Fotos: Jan Baedeker