


Hätte das Nachkriegs-Großbritannien einen Soundtrack in Moll, bestünde er wohl aus dem Abreißen von Lebensmittelmarken und dem leisen Schluchzen von Männern, denen gerade mitgeteilt worden war, dass sie bis 1950 keine Butter bekommen würden. Und doch rollte in dieses graue Land der Zweckmöbel und des Eipulvers etwas völlig anderes, etwas Theatralischeres, Extravaganteres und, offen gesagt, Verrückteres: der 1956 von Nubar Gulbenkian auf Basis eines Modells mit Hooper-Karosserie in Auftrag gegebene Rolls-Royce Silver Wraith. Dieses wahrhaft einzigartige Exemplar, das die Netzhaut des Auges bei Sonneneinstrahlung blendet, wird am 29. November bei der Historics Auctioneers Brooklands Velocity Auktion in der Mercedes-Benz World versteigert.

Das Vermögen der Familie Gulbenkian wurde in den 1880er-Jahren im Ölgeschäft in Baku erwirtschaftet und später durch die Beteiligung an der Iraq Petroleum Company erweitert. Calouste Gulbenkian (1869-1955) war ein armenischer Ingenieur, Ölhändler, Geschäftsmann, Finanzexperte, Philanthrop und Kunstsammler, der in Istanbul, London, Paris und Lissabon lebte. 1902 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft und spendete zur Gründung seiner Stiftung 70 Millionen Dollar und umfangreiche Kunstsammlungen. Nach seinem Tod führte sein Sohn Nubar Gulbenkian (1899-1972) die philanthropische Arbeit fort. Sie erstreckte sich auch auf Automobile, und es dauerte nicht lange, bis Nubar Rolls-Royce-Modelle individuell gestalten ließ und so einige der ausgefallensten Roller aller Zeiten schuf. Sie dachten, Mansory sei der einzige Anbieter von türkisfarbenem Leder für die Rücksitze Ihres Rolls-Royce? Weit gefehlt, wie hier zu bestaunen, war Nubar dem deutschen Veredler weit voraus!


Die radikale Umgestaltung der linksgelenkten „Perspex Top“-Limousine gipfelte im auffälligsten Element: dem Dach. Es besteht aus vollständig transparentem Plexiglas. Warum? Nun, weil Nubar seine Edel-Kutsche an der Côte d’Azur nutzen wollte, und was nützt es, darin gesehen zu werden, wenn die Sonne nicht durch einen transparenten Dachhimmel auf den perfekt gezwirbelten Schnurrbart scheint? Damit aus dem Interieur keine Sauna wurde, hatte er vorgesorgt: eine elektrisch betriebene Jalousie verwandelte den Innenraum im Handumdrehen von sonnendurchflutet zu ausreichend abgedunkelt. Das Armaturenbrett und Teile der Türverkleidungen sind aus edlem Walnussholz gefertigt, und im über gegenläufig öffnende Selbstmörder-Türen zugänglichen Fond finden sich in einer ebenfalls aus Holz gefertigten Konsole ein Tachometer und ein Radio. Gulbenkian bestellte außerdem eine Klimaanlage, elektrische Fensterheber und einen Fernseher, wobei letzterer schon lange nicht mehr vorhanden ist.



Nachdem Gulbenkian das Auto verkauft hatte, tauchte es 1964 in dem französischen Psychothriller „Les Félins“ (deutscher Verleihtitel: „Wie Raubkatzen“) mit Jane Fonda und Alain Delon in den Hauptrollen auf. 1968 wurde der Rolls erneut verkauft, diesmal an René Gourdon, den Besitzer des Tanzlokals „La Belle Étoile“ in Nizza. Der ließ ihn leuchtend gelb lackieren und im Keller des Gebäudes unterbringen, wo er dem Vernehmen nach als Sitzgelegenheit oder spektakuläres Ausstellungsstück diente.
2007 wurde das urige Objekt 2007 wiederentdeckt und umgehend im früheren Glanz und Gloria restauriert. Dazu im typischen Gulbenkian-Stil, einer zweifarbigen Symphonie in Blau, neu lackiert. Auch das Interieur erhielt eine Rundumauffrischung und präsentiert sich wieder als extrem komfortabler Ort zum Fläzen und Relaxen. Der Ex-Gulbenkian Rolls-Royce Silver Wraith ist als echtes Unikat und mit einer schillernden Geschichte der wohl bekannteste aktuell auf dem Markt angebotene Rolls-Royce aus den 1950er-Jahren. Das Auktionshaus Historics Auctioneers erwartet einen Verkaufspreis zwischen 200.000 und 325.000 Pfund – wir werden sehen, was am Ende herauskommt!






























