Die unglaubliche Sammlung des Gerard Gombert

Willkommen in der wundersamen Welt des Gerard Gombert. Irgendwo im Hinterland der Provence, versteckt zwischen Grasse, Fayence und Tourrettes lebt „La Gombe“. Mit seinen fünf Hunden, seinem Esel Pompon und seinen ungefähr 50 Fahrzeugen.

Er ist ein liebenswürdiger Schrat mit schlohweißem Haar und einem faszinierendem Auto-Kosmos in seinem verwilderten Garten. Classic Driver war zu Besuch.

So genau weiß Gerard Gombert es selbst nicht mehr. Sind es nun 50 Autos oder 60 oder gar noch mehr? "Je ne sais pas!", sagt der fröhliche Franzose im fortgeschrittenen Seniorenzustand, den man der Erscheinung nach auf den ersten Blick für einen nahen Verwandten derer von Rumpelstilzchen halten könnte. Doch Gombert ist nicht garstig, sondern liebenswürdig. Und er ist ein absolut verrückter Auto-Enthusiast durch und durch. Vor seinem Areal in der Provence parkt ein vermutlich in den 1970er Jahren letztmals abgestelltes Mercedes Strich Acht Coupé. Das ehemals mondäne Gold schimmert im Sonnenlicht. Flechten und Moos haben den Wagen schon vor Jahren für sich entdeckt und erfolgreich erobert. Bis zu den Seitenschwellern eingesunken, ruht der Franzosen-Benz auf seinem Altenteil. Doch Gerard Gombert ist sicher: "Der läuft!", sagt er mit felsenfester Überzeugung. Ein wenig Arbeit und in einer Stunde sei der Gleiter fit für eine Tour nach Cannes. - Bien, sur! Natürlich, Monsieur Gombert.

 

Die unglaubliche Sammlung des Gerard Gombert
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Doch als ich seine "Villa Hacienda" betrete, verschlägt es mir Stimme und Sprache gleichermaßen. Denn unmittelbar vor mir offenbart sich ein Open-Air-Panoptikum der Automobilindustrie: Citroën und Renault en masse. Zahlreiche BMW 02, Mercedes-Benz W108 S-Klasse wittern im Kiefernhain. Dort ein Mini Cooper, hier ein knappes Dutzend Peugeot 504 Coupés mit Pininfarina-Karosse. Ein Lotus 30 schlummert im weichen Licht der Provence. Und dann geht es Schlag auf Schlag: AC Cobra, Matra D´Jet, R 8 Gordini, R 12 Gordini, Dauphine Gordini. Hier eine Rotte Fiat Topolino, dort ein Fiat 500, ein Fiat 500 Abarth. Noch was? Ja! Ein Lotus Esprit, Lotus Elite, Lotus Elan. Da hinten ein Pontiac. Citroën DS, eins, zwei, moment, drei, vier! Ein Land Rover. Ein Michelin-Männchen unter einer Plane grüßt mich freundlich. Gombert im karierten Hemd lächelt milde. Der Wind bläst ihm seinen weißen Vollbart ins Gesicht. Ich blicke irre: Wo bin ich hier gelandet?

 

 

Die unglaubliche Sammlung des Gerard Gombert
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In der wundersamen und doch realen Welt des Gerard Gombert. Seine Freunde nennen ihn nur "La Gombe". Und er selbst spricht von sich ebenfalls gerne in der dritten Person Singular. La Gombe war früher Rallye-Fahrer und selbst Automobil-Unternehmer. Er fuhr Ferrari und Lamborghini. Südfranzösische Schönheiten mit übergroßen Sonnenbrillen saßen vor vier Jahrzehnten auf seinem Beifahrersitz. Er führte in Nizza die "Garage Gombert" und entwickelte nach eigenem Bekunden als einer der ersten Franzosen Kunststoffkarosserien für Fahrzeuge. "Oui, oui. Entrepreneur La Gombe!" Tatsächlich zeugt noch ein altes Werbeschild von seiner lebhaften Vergangenheit. Die Autos aus seinem Leben hat er nicht verkauft, sondern aufgehoben. "Aber nicht alle", wie er betont, sondern nur ein paar.

 

 

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Gerard Gombert, der sich vor ein paar Tagen das Knie verdreht hat, humpelt weiter. Kraxelt über einen R4 und steigt durch einen 2CV. "Und dahinten hat La Gombe seine Renault Alpine abgestellt." Ach ja, die Alpines. Sechs an der Zahl dämmern im Tiefschlaf bedeckt von Pinien-Hacheln. Seite an Seite. Ein gutes Dutzend nennt Gombert sein Eigen, darunter A106, A108, A110 und auch Renault Alpine 210 - angeblich aus der Le Mans Serie von 1968. "Einen Lamborghini habe ich auch noch!" verrät Gerard Gombert. Ich nicke. Und glaube es ihm in dem Moment gerne, als er eine Jutesack anhebt und darunter ein ziemlich gut erhaltener und augenscheinlich vollständiger V12-Lamborghini-Miura-Motor zum Vorschein kommt.

 

 

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"Pompon, Pompon!" Ein abrupter Themenwechsel. La Gombe scheint in höchster Not zu rufen. Was ist denn jetzt los? Nichts schlimmes. Monsieur Gombert hält es nur gerade für angebracht, kurz mit seinem Esel auf der anderen Straßenseite zu kommunizieren. Laut krächzend, wild gestikulierend. Pompon sei mittlerweile sein Alter Ego, müsse man wissen. Ach so ist das. "I-Ah, I-Ah", antwortet Esel Pompon in enormer Lautstärke. Was soviel bedeutet, dass er jetzt Hunger habe und gerne ein Brot verspeisen möchte. Wagemutig humpelt La Gombe über die Landstraße und reicht Pompon seine Mahlzeit - einen Laib französisches Weißbrot, bisschen schimmelig schon, wie ich feststelle. "Frisch muss es sein!" kommentiert La Gombe. Man ist ja wählerisch heutzutage.

 

 

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Ob ich denn La Gombe als kleines Dankeschön für diesen Einblick eine Runde im Rolls-Royce Ghost chauffieren dürfe? "Im Rolls-Royce Ghost?", entgegnet er. Und dann leicht empört: "Wollen Sie mich verkohlen?" Der kauzige Gralshüter der französischen Automobilindustrie ist für einen Moment irritiert. Doch als er das schwarze Schiff erspäht, ist er vollends aus dem Häuschen und hellauf begeistert: "Sensationell, magnifique, c´est extraordinaire", sprudelt es aus ihm heraus. Ich öffne den Wagen. Gegenläufig schwingt die Türe auf. La Gombe ist sichtlich baff, streift sich etwas verschämt den Staub von den Schuhen und nimmt, wie ihm gewiesen, hinten rechts Platz. So, wie es sich gehört. Ich starte den Motor. Der V12 trägt uns davon. Lautlos, kraftvoll. Wusch und weg. Und plötzlich ist La Gombe ganz still. Ein wissender Genießer des automobilen Augenblicks eben.

 

Fotos: Mathias Paulokat

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