Die Mille Miglia ist und bleibt das rasanteste Rennen der Welt

Das Wetter hat sich zwar von seiner nassen und wilden Seite gezeigt, aber der Dauerregen konnte die fantastische Stimmung, die bei der Mille Miglia 2019 von Start bis Ziel herrschte, nicht dämpfen. Unser rasender Reporter Rémi Dargegen war beim schönsten Rennen der Welt unermüdlich im Einsatz.

Wenn Sie Classic Driver nicht auf Instagram folgen konnten, dann haben Sie leider meine täglichen Updates von der diesjährigen Mille Miglia verpasst! Diese 1.000-Meilen-Rallye von Brescia nach Rom und zurück führt durch das Herz Italiens – und das im buchstäblichen wie übertragenen Sinn. Das Grundkonzept der Mille Miglia bleibt zwar von Jahr zu Jahr unverändert, dennoch bleiben die Organisatoren kreativ und fügen subtil immer wieder neue Aspekte dazu. In diesem Jahr beispielsweise wurde die Strecke modifiziert, um der Toskana einen größeren Raum einzuräumen. Wer hätte dagegen etwas einzuwenden?

Was die Organisation betrifft, hatten wir den Eindruck, dass den kommerziellen Partnern Vorrang eingeräumt worden war – wie so oft schon, hatten Medienvertreter wie ich nicht den vollständigen Zugang zur Route zu erhalten. Außerdem scheinen die Sponsoren das Feld immer mehr unter sich aufzuteilen. Schade ist es schon, wenn das Geld bei einer solchen legendären Veranstaltung die Hauptrolle spielt, zumal wenn man weiß, dass Besitzer mit sensationellen berechtigten Rennwagen, welche seinerzeit bei der Mille Miglia an den Start gingen, für eine Teilnahme abgewiesen wurden. Abgesehen davon trugen die rund 200 Starter mit modernen Autos, die bei den „Tribute”-Rallyes von Mercedes-Benz und Ferrari dabei waren, auch nicht gerade zum Genuss der Mille Miglia bei. 

Dennoch bot die Liste der 450 Teilnehmer einen wahren Augenschmaus für Enthusiasten älterer Mechanik. Und dazu gehöre ich! Meine Favoriten auszuwählen, war eine echte Herausforderung. Sicherlich bleiben die Rennsport-Ferrari für mich unvergesslich, nicht zuletzt wegen ihres unvergleichlich stimulierenden Getöses. 

Von Ferrari 750 Monza und 500 Mondial bis hin zu 225S Vignale und einem betörend originalen 275S/340 America wurde eine Auswahl geboten, die jedem Ferrari-Connaisseur das Herz erwärmt hätte. Um diesen 1.000 Meilen auf Italiens schönsten Straßen die Ehre zu erweisen, hätten wir uns vermutlich für den Ferrari 166 PF Berlinetta entschieden, denn hier handelt es sich um den ersten Ferrari mit Pininfarina-Karosserie, der außerdem hervorragend von DK Engineering restauriert worden ist. Unsere Bewunderung gilt auch dem weltberühmten Industriedesigner Marc Newson, der mit seinem brachialen Ferrari 875S zu diesem Straßenrennen angetreten ist. 

Ich war auch entzückt von den Vorkriegs-Aston Martin, einem Schwarm von surrenden Cisistalia 202 MM „Nuvolari” Spyder, zierlichen Fiat Topolino und Renault 4CV. Und dann beeindruckte mich auch der sensationelle dunkelgrüne Alfa Romeo 8C 2300 Monza, dessen Geschichte so außergewöhnlich ist, dass ihm ein eigenes Buch gewidmet worden ist.

Die Routen und die Automobile mögen sich jedes Jahr verändern, doch was die Mille Miglia in der Welt des historischen Motorsports einfach unvergleichlich macht, ist der überbordende Enthusiasmus der Italiener, der eine einzige Straßenparty entlang der Route entzündet. Man könnte diese Rallye durchaus in einem Atemzug mit der automobilen Tour de France in Frankreich nennen, doch Franzosen bringen alten Maschinen nicht dieselbe Liebe entgegen. 

Gefühlt jede Meile des Streckenverlaufs war gesäumt von Tausenden von Zuschauern, die mit Fähnchen winkten, jubelnd gestikulierten und Teilnehmer liebenswürdig abbremsten, um sie mit Geschenken zu überhäufen. Besonders angetan hatten es ihnen die Etceterini getauften Zwergrennwagen und natürlich die vielen hinreißenden roten Ferrari in jeder Form, die den Nationalstolz verlässlich entflammten. 

Dass sie sich stoisch teilweise dem schlimmsten Wetter aussetzten, muss viele Teilnehmer beflügelt haben. Vor allem jene, die in offenen Cockpits unterwegs waren. Es gibt einen alten Spruch, der lautet: „Kein Regen, keine Mille Miglia”. Auch diesmal hat er sich wieder bewahrheitet. Wir erlebten beim Start in Brescia zunächst Schauer und schließlich sintflutartigen Regen während des gesamten letzten Tages. Italienische Verhältnisse stellt man sich eigentlich anders vor. Aber dem Wetter zum Trotz – man denke nur an den astronomischen Wert vieler teilnehmender Autos – war die Laune beim Starterfeld ungedämpft. Im Gegenteil, während dieser Ausnahmetage herrschten Gelassenheit und eine positive Stimmung.

Während sie über den schmatzend nassen blauen Teppich Richtung Zielrampe in Brescia rollten, vier erschöpfende, epische Tage in den Knochen, mit entlang des Weges geschenkten Maskottchen stolz in den Händen und verschmutzten Gesichtern strahlten die Teilnehmer um die Wette. 

Die moderne Inkarnation der Mille Miglia ist natürlich im Vergleich zum berüchtigten Original etwas zahmer. Aber man sollte sie gleichwohl nicht mit einer gemütlichen Ausfahrt verwechseln!

Zum Abschluss möchte ich einen für mich unvergesslichen Mille Miglia-Moment mit Ihnen teilen: Ich wurde tatsächlich von einem Maserati A6GCS/53 Spyder gejagt – einem der schönsten Sport-Rennwagen, die je den Dreizack trugen. Das Heulen des Sechszylinders durchdrang wohlig jede Faser meines Körpers und rührte mich buchstäblich zu Tränen. Wir freuen uns auf das nächste Mal!

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2019 

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