Die berühmten Lister Cars aus Cambridge feiern ihr Revival

Sie waren schnell wie der Wind, berauschend schön und hinter ihren Steuern saßen die großen Helden des Motorsports. Jetzt laufen Listers „Cars from Cambridge” endlich wieder vom Band – und zwar so, wie sie in den 1950er Jahren ausgesehen haben. Dabei wäre das Comeback um ein Haar gescheitert.

In den späten 1950er Jahren waren Lister-Jaguar und die Rennwagen aus Cambridge eine Macht auf den internationalen Rennstrecken. Mit einem winzigen Budget rang Brian Listers Rennteam bei Rennen in Europa und den USA mit Giganten wie wie Ferrari, Maserati, Jaguar, Mercedes – und schaffte doch immer wieder den Sprung aufs Siegerpodest. Es war ein überzeugender Beleg für die Ingenieurkunst, den Geschäftssinn und die geschickte Teamauswahl des Gründers. „Man meint oft, dass damals der Rennsport einfacher war,” sagt Lawrence Whittaker. Der Geschäftsmann aus der englischen Grafschaft Lancashire ist die treibende Kraft hinter der Wiederbelebung der Marke aus Cambridge. „Listers Gesamtbudget für die Rennsaison 1958 entsprach den Kosten allein für Reifen und Felgen bei Aston Martin.”

Die Rennwagen aus Cambridge

Der von einem Jaguar-Motor angetriebene „Knobbly”, der seinen Spitznamen einer üppig kurvigen Karosserie verdankte, war besonders eindrucksvoll. Pilotiert wurde er von Brian Listers engem Freund Archie Scott Brown, der in der ersten Saison 1957 das Kunststück fertig brachte, 12 von 14 Rennen zu gewinnen, darunter den angesehen British Empire Cup. Erst drei Jahre zuvor war Scott Brown aufgrund seiner schweren Behinderung von diesem Rennen disqualifiziert worden. „Brian Lister war sehr darum bemüht, dass Archie wieder seine Rennlizenz erhielt,” erzählt Whittaker. „Schließlich ließ die FIA sich umstimmen. Als er dann gleich wieder Rennen gewann, war die Presse überwältigt. Alle wollten mehr über diesen außergewöhnlichen Mann und seiner Überwindung aller Widerstände wissen.” Das war, so Whittaker, Brian Listers Geheimnis: stets dem Establishment des Motorsports die Stirn zu bieten. 

Eine starke Partnerschaft

Leider fand das Dreamteam ein abruptes, tragisches Ende, als Archie Scott Brown 1958 in einem Lister in Spa-Francorchamps tödlich verunglückte. Lister war, wie man sich vorstellen kann, am Boden zerstört. Auch die allerorts ausgesprochene Ermutigung, dem Rennsport nicht den Rücken zu kehren, hielt ihn nicht davon ab, sich in den nächsten Jahren aus Trauer zurückzuziehen. Schließlich verkaufte er die Marke Lister an Laurence Pierce, der nicht nur mit Jaguar ausgehandelt hatte, den Straßenwagen XJS zu optimieren, sondern für eine zweite Blüte des Namens Lister auf den Rennkursen verantwortlich sein sollte: In den 1990er-Jahren meldete er sich mit dem bemerkenswerten Lister Storm zurück, der sogar den britischen Titel für sich sichern sollte. Im Jahr 2003 machte er erneut mit einem LMP-Prototypen von sich Reden. 

Ein vergessener Schatz

Knapp zehn Jahre später betreten Lawrence Whittaker und sein Vater Andrew die Bühne. Weil das Arbeitsverhältnis der beiden in der gemeinsamen Gewährleistungsgesellschaft schwierig war, verließ Andrew das Unternehmen, um sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen: Er wollte sich um die Restaurierung seiner Klassikersammlung kümmern. „Rund zwei Jahre lang restaurierte er klassische Bentleys. Aber eines Tages kaufte er einen Lister „Knobbly”, der in Einzelteile zerlegt war,” erinnert sich Lawrence Whittaker. Als Vater und Sohn entdeckten, dass es sich nicht um ein Originalchassis handelte, kontaktierten sie George Lister Engineering, das Mutterunternehmen von Brian Lister Light Engineering, das seit der Gründung 1890 immer noch im Geschäft war. „Die Leute dort wussten, dass es noch einige Ersatzteile im Werk in Cambridge geben musste und fragten, ob wir Lust hätten, uns das vor Ort anzusehen. Bei unserem Besuch fanden wir eine riesige Fundgrube an Teilen wie beispielsweise Chassis und Karosserieteile, die seit den 1960er Jahren, als Lister die Produktion aufgegeben hatte, nicht mehr berührt worden waren. Hier ruhte ein historischer Schatz, für den sich niemand mehr interessierte.” 

Perfekte Zeitzeugen

Ans Licht kamen auch Chassis-Einspannvorrichtungen, Blaupausen und Baupläne, Karosserierahmen und Originalwerkzeuge, die eine verrückte Idee in den Köpfen der Whittakers entzündete: Warum nicht die Marke Lister mit dem Bau der legendären Rennwagen wiederbeleben? Die nächsten zwei Jahre galten dem Kauf des Markennamens Lister sowie der verschiedenen Tochterunternehmen, ehe 2013 der Startschuss für eine auf 10 Stück limitierte Serie von Continuation Cars des legendären „Knobbly” fiel - hergestellt in einem Werk in Cambridge, wie einst in den 1950er Jahren. Jedes Auto sollte so authentisch wie nur möglich sein. Dazu sagt Whittaker: „Durch die Blaupausen und Bücher verfügten wir schon über ziemlich viel Wissen. Doch dann holten wir drei der ursprünglichen Lister-Mechaniker – Herren um die achtzig und neunzig – als Berater ins Werk. Auch einige Markenexperten standen uns zur Seite.” Brian Lister, der leider 2014 verstarb, stattete der Fabrik ebenfalls regelmäßige Besuche ab. „Es war ein ganz besonderer Moment, als wir eine Woche vor seinem Tod mit dem ersten fertig gestellten Lister bei ihm vorfuhren.”

Der König des Leichtbaus

Es gab auch eine ganze Reihe von Nuancen, die während der Produktion gemeistert werden mussten. Beispielsweise war die Stahlqualität, die für die Continuation Cars eingesetzt wurde, viel dichter und schwerer, als die Stähle, die seinerzeit von Lister verbaut wurden. „Als uns Brian das erste Mal in der Fabrik besuchte, sagte er mir, dass er viel dünnere Bleche verwendet hatte,” erinnert sich Whittaker. „Ich sagte, dass wir uns an den Büchern und Bauplänen orientierten, und er antwortete auf seine typisch schnurrige Art: Nun ja, das wollte ich niemandem verraten.” Er hatte noch alle Zahlen und Daten im Kopf  – er war mehr noch als vielleicht Colin Chapman der König des Leichtbaus.” Das junge Unternehmen hat jetzt den Autor Paul Skilleter als offiziellen Historiker beauftragt. Seine Aufgabe wird es sein, alles zu dokumentieren, was die neuen Herren von Lister während des Prozesses lernen, während die früheren Mechaniker ihr Wissen an die jungen Techniker weitergeben – Kompetenzen, die laut Whittaker heute weitgehend verloren gegangen sind. 

Keine leichten Lösungen

Es ist wirklich bemerkenswert zu sehen, mit wie viel Mühe und Engagement man diese Autos so authentisch wie möglich nachbaut. Das reicht vom Reihensechszylinder mit breitem Kippwinkel von Crosthwaite & Gardener bis hin zum Vierganggetriebe und der damals üblichen Schalttechnik im spartanischen Cockpit. Derzeit werden sechs Autos pro Jahr gefertigt. Jedes wird auf Wunsch auch mit einem FIA-HTP-Pass für den historischen Rennsport ausgeliefert, der seinen Besitzer zur Teilnahme an verschiedenen Events berechtigt. „Ein Original-Knobbly ist heute an die zwei Millionen Pfund wert,” sagt Whittaker. „Mit unserem Preis von 300.000 Pfund bieten wir auch eine vergleichsweise erschwingliche Eintrittskarte zu den Top-Rennen des historischen Motorsports.” Mit der erteilten Einzeltypenzulassung besitzen die neuen Lister zudem die Erlaubnis für die Straße. 

Voll im Trend

Was denkt eigentlich Whittaker über das offensichtlich von ihm mitentfachte Interesse an werkseitigen Fortsetzungsserien wie beispielsweise dem Jaguar E-type Lightweight und dem Aston Martin DB4GT? „Es sind ja noch immer die Originalwerke, in denen die Autos gebaut werden. Man darf auch nicht vergessen, dass die wertvollsten Klassiker seit jeher jene sind, die in kleinen Stückzahlen gefertigt wurden,” erläutert Whittaker. „Mit 25 Neuauflagen einer Premiummarke in der Garage besitzt man also etwas sehr Begehrenswertes.” Und was würde er jenen entgegen, die finden, dass Continuation Cars die Geschichte der Originale eintrüben? „Manche Menschen mögen dieses Konzept nicht, gewiss. Aber letztlich ist soviel Zeit seit dem ursprünglichen Knobbly vergangen, das mir die Autos, die heute Rennen fahren, auch nicht mehr sonderlich ursprünglich erscheinen,” sagt er. „Sechzig Jahre sind eine lange Zeit. Die Fahrzeuge haben inzwischen reichliche Modifikationen erlebt – sie hatten Unfälle, Motoren und Getriebe mussten ausgetauscht werden. Sie sind oftmals für den historischen Rennsport weiterentwickelt worden. Der Vorteil an unseren Autos ist, dass sie genauso ausgestattet sind, wie in den 1950er Jahren. Wenn Sie das Erlebnis von Stirling Moss in jener Ära nachempfinden wollen, gib es nichts besseres.”

Die Zukunft leuchtet

Nach der Fertigstellung einer in zehn Exemplaren gebauten Stirling-Moss-Edition des „Knobbly” aus originalgetreuem Leichtbau-Magnesium plant Lister auch die Geschichte des Costin weiterzuschreiben – jenem letzten Renn-Lister, der von dem berühmten Aerodynamiker Frank Costin geformt worden war. Doch damit nicht genug: „Wir haben lustigerweise eine ganze Reihe von Kunden, die darauf brennen, in diesem Jahr Rennen zu fahren, aber nicht ihre Original-Lister-Rennwagen aufs Spiel setzen wollen. Diese Kunden haben mich gebeten, für sie entsprechende Repliken ihrer wertvollen Originale zu fertigen.”

Unternehmensphilosophie

Für Lawrence Whittaker und seinen Vater war der Entschluss, einer alten Marke frischen Wind einzuhauchen, ein mutiges Unterfangen, für das wir alle dankbar sein sollten. „Womöglich waren wir etwas naiv, aber einen Rennwagen von Grund auf neu herzustellen, ist eine echte Herausforderung”, betont er. „Was uns antreibt, ist unsere Leidenschaft. Lister war eine so besondere Marke, die es nicht verdient hat, einfach zu sterben.” Die Reaktion auf dieses mutige Projekt war letztlich sehr positiv. Ältere wie jüngere Enthusiasten begeistern sich gleichermaßen für den Geist dieser „Cars from Cambridge” und deren Bedeutung für die Motorsportgeschichte. „Ich habe Brian Lister versprochen, nichts zu unternehmen, dass der Marke schaden würde,” sagt Whittaker zum Abschluss. „Es dreht sich doch ach wie vor um ein Thema: schneller zu sein, als die Konkurrenz.” Wir sind gespannt zu sehen, wie sich die neuen Autos auf den Rennstrecken schlagen, denn das ist ihr natürliches Habitat.

Fotos: Robert Cooper für Classic Driver © 2017 / Universal Images Group via Getty Images / The Lister Motor Company

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