Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet

Anfang Oktober 1955. In Paris wird nach Jahren des Wartens der neue Citroën DS 19 enthüllt – eine technische uns ästhetische Sensation! Wir haben nun Aufnahmen von der Jungfernfahrt der „Göttin“ nur wenige Tage vor ihrer Premiere entdeckt.

 

Mit dem Debüt des Citroën DS 19 beginnt im Herbst 1955 in Frankreich eine neue Zeitrechnung: Nach 23 Jahren wird der Citroën Traction Avant abgelöst – und die Besucher des Pariser Autosalons können kaum glauben, was für ein elegantes und futuristisches Gefährt tatsächlich schon bald über die Boulevards und Landstraßen der Republik schweben soll. Die stromlinienförmige Karosserie scheint Designer Flaminio Bertoni direkt aus der Zukunft geholt zu haben, und auch technisch ist das neue Modell nicht weniger als eine Revolution: Erstmals wird in einem Serienauto eine hydropneumatische Federung verwendet, die den Wagen automatisch anhebt und absenkt und so den Straßenverhältnissen anpasst. Mercedes und Rolls-Royce werden kurze Zeit später eine Lizenz für die Technologie erwerben. Zudem verfügt die DS – oder „Déesse“ als französisches Wort für „Göttin“, wie das Modell bald liebevoll genannt wird – über Scheibenbremsen und eine Zweikreis-Bremsanlage, ein halbautomatisches Getriebe und eine Hupe mit zwei Stufen für Stadt und Autobahn. 1957 schrieb der Philosoph Roland Barthes, die DS sei „offenkundig vom Himmel gefallen“.

 

Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet
Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet

Die Aufnahmen des französischen Fotografen Maurice Jarnoux aus dem Archiv von Paris Match sind am 1. Oktober 1955 entstanden – also keine Woche vor dem Salon-Debüt. Sie zeigen einen letzten Prototyp des DS 19 bei finalen Abstimmungen in einem abgetrennten Bereich der Werkshallen von Citroën sowie einer letzten Ausfahrt vor dem großen Debüt. Für einen besseren Zugriff wurde die Motorhaube entfernt und Jarnoux gewährt uns aus der Vogelperspektive freien Blick auf den Vierzylinder und das schwarze Dach aus glasfaserverstärktem Kunststoff, das der Konstrukteur und Leichtbau-Verfechter André Lefèbvre dem neuen Citroën verordnet hat. Wir sehen, wie der weiße Gleiter beim Verlassen der Werkshallen noch einmal seinem Vorgänger begegnet und schließlich über regennasse Straßen schnellt.

 

 

Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet
Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet Citroën DS 19 Prototyp: Die Göttin ist gelandet

Die jungen Soldaten, die vor ihrer Kaserne in Villacoublay bei Versailles an der Straße stehen und rauchen, dürften ihren Augen nicht getraut haben, als der Prototyp mit 100 km/h durch die nasse Kurve an ihnen vorbei rauscht. Doch der Fahrer kennt die technologische Zukunft und vertraut dem hydropneumatischen Fahrwerk. Im Innenraum gut zu sehen: Das Einspreichen-Lenkrad, das den Fahrer im Falle eines Unfalls schützen soll, die Panorama-Frontscheibe und die Düsen der Klimaanlage. Doch die Göttin ist nicht nur elegant und komfortabel, sondern auch geräumig: Zwölf Koffer, so heißt es damals in Paris Match, soll man mit auf Reisen nehmen können. Es müssen für die Entwickler spannende Stunden gewesen sein, so kurz vor der Enthüllung. Die letzten Schrauben anziehen, den Lack polierend. Sie wurden belohnt – die „Déesse“ war der ganze Stolz Frankreichs. Und für einige Zeit tatsächlich das fortschrittlichste Auto der Welt. Zwanzig Jahre lang wurde sie in unzähligen Variationen gebaut. Dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle rettete sie bei einem Attentat im Jahr 1962 sogar das Leben. Erst 1975 wurde sie abgelöst und ging als Meilenstein der Automobilhistorie in die Geschichtsbücher ein.

 

 

Weiterführende Links

Zahlreiche klassische Citroën finden Sie auch im Classic Driver Marktplatz.

 

 

Fotos: Maurice Jarnoux/Paris Match via Getty Images