Bugattis "blaue Fabrik" in Campogalliano ist eine famose Zeitkapsel

Die als Sinnbild automobiler Innovation und italienischen Enthusiasmus errichtete Bugatti Fabrik in Campogalliano steht heute als Relikt einer sehr aufregenden und wichtigen Ära in der Geschichte der legendären Marke verlassen da. Wir sprachen mit ihrem Architekten Giampaolo Benedini…

Es war am 15. September 1990, exakt zum 109. Geburtstag Ettore Bugattis, als 77 Vorkriegs-Bugatti von ihrem „Geburtsort“ im elsässischen Molsheim im Konvoi in den verschlafenen Modeneser Industrievorort Campogalliano fuhren. Der Anlass für diese Parade war kein Geringerer als die Eröffnung der Fabbrica Blu – die Traumfabrik, in der nach vielen Jahrzehnten der erste von Grund auf neue Bugatti, der EB110 GT, produziert werden sollte. 

Die Prozession führte ein opulenter Typ 57 an. An seinem markentypischen Hufeisen-Grill angebracht war eine große rechteckige Box mit einer darin glühenden Flamme – eine emotionale und an das olympische Feuer erinnernde Geste des charismatischen Bugatti-Neugründers Romano Artioli, mit der er eine Brücke von der glorreichen Vergangenheit der Marke in eine hoffnungsvolle Zukunft schlagen wollte. Zwar hatte die Idee, Bugatti in Molsheim neu zu beleben, zunächst auch Artioli begeistert, doch konnte er am Ende einem Pool talentierter Designer und Ingenieure aus Italiens „Motor Valley“ nicht widerstehen.

Sie können die detaillierte Geschichte vom Aufstieg und Fall von Bugatti Automobili in unserem kompromisslosen Interview mit Artioli aus erster Hand noch einmal nachlesen. Doch kurz zusammengefasst: Nur fünf Jahre und 130 fertiggestellte Autos später musste die Marke als Folge finanzieller Turbulenzen und vermeintlicher Industriespionage spektakulär die Tore schließen. 

Auf einem schäbigen Wandkalender in einem der nun verwaisten Büros ist der verhängnisvolle Tag der Schließung, der 23. September 1995, noch immer eingekreist. Nachdem alles, was irgendwie noch einen Wert hatte, Anfang 1997 öffentlich versteigert worden war, wurde La Fabbrica einfach sich selbst überlassen und wirkt – bis heute – als wäre dort die Zeit stehen geblieben. Wie ein Pompeji der Autowelt – eine anrührende und tragische Erinnerung an eine so stolze und vielversprechende Unternehmung. Mit ihrer architektonisch so avantgardistischen Fertigungsstätte als Herzstück. 

„Baut mir den Bugatti unter den Automobilwerken!“, soll Artioli zu seinem jüngeren Cousin, dem Architekten Giampaolo Benedini, gesagt haben. Was der dann auch in die Tat umsetzte. Der 13.000 m2große Komplex, in dem der technologisch aufwendigste Supersportwagen der Welt gebaut werden sollte, bestand aus einem gläsernen Rundbau für die Büros und Designstudios, einer Test-und-Entwicklungsabteilung für Motoren sowie einer großen Montagehalle. 

„Ettore Bugatti arbeitete immer unabhängig, um Technologie mit Ästhetik zu vereinen“, erklärt Benedini. „Um ihm auf die beste Weise zu ehren, wollte ich seine Prinzipien respektieren und die Fabrik in der Tradition seiner außergewöhnlichen Automobile konzipieren.“

Von Beginn an stand das Wohlbefinden der rund 240 in der Fabrik tätigen Mitarbeiter ganz vorn im Lastenheft. „Sie sollten sich als Teil von etwas Besonderem und Aufregendem fühlen“, fährt Benedini fort. „Artioli hatte nicht nur die Fabrik gekauft, sondern auch eine Philosophie der Exzellenz – wer verantwortlich war für den Bau von etwas, das dieser Philosophie entsprach, sollte einfach nicht in einem banalen Umfeld arbeiten.“ 

Banal war die Fabrik wahrlich nicht. Man schaue sich nur die Montagehalle an. Die vorgefertigten Betonplatten für die Außenmauern – jede tragen stolz das „EB“ Logo – sind so angewinkelt, dass sie das Sonnenlicht abweisen und so die Innentemperatur auf einem angenehmen Niveau halten. Sie werden flankiert von verdeckten und vom Boden bis zur Decke reichenden Fenstern, welche natürliches Sonnenlicht hineinlassen. Und innen gibt es keine festen Wände, was die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in der Produktion erhöht. 

„Es handelt sich um eine funktionale Architektur, welche den Auftrag der Fabrik nach außen widerspiegelt. Das Design Studio zum Beispiel ist deshalb rund, weil so Helligkeit besser abgemildert wird. Wir hatten sogar eine große motorisierte Blende vorgesehen, die der Bewegung der Sonne folgend direkte Sonneneinstrahlung verhindern sollte, aber leider wurde sie nicht umgesetzt. Abgesehen davon hatte ich nahezu grenzenlose Freiheit in meinen Entscheidungen, da der knappe Zeitrahmen wenig Zeit für Diskussionen zuließ“, erinnert sich Benedini. 

Artioli machte keine halben Sachen und seine angeblich 1 Milliarden Francs teure Fabrik machte da keine Ausnahme. Die Eingangsbereiche und Lobbys waren großzügig mit weißem italienischen Marmor und Edelstahl ausgelegt, das Gebäude für die Motoren-Tests verfügte über einen hochmodernen und auch von anderen Herstellern benutzten Allrad-Rollenprüfstand, die Kantine servierte das Beste aus der einheimischen Küche. Artioli ließ sogar eine Holztür aus dem Molsheim Werk nach Campogalliano verfrachten und dort einbauen (siehe Foto). Zumindest für die Beschäftigten zahlte sich das Ganze aus. 

Seitdem Rémi Dargegen diese Bilder aufgenommen hat, erfuhr La Fabbrica Blu dank des Einsatzes ihrer langjährigen Betreuer Ezio und Enrico Pavesi eine umfassende Grundreinigung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die gleiche Bugatti-Mutter Volkswagen, die einst Ezio anwies, das große Bugatti Logo an der Außenwand abzudecken, nun Campogalliano als Ort für die Präsentation der EB 110-Hommage Centodieci uswählte. Die offizielle Anerkennung von Bugatti Automobili als Teil des Bugatti Erbes war da schon längst überfällig. Dennoch ist durch die Großreinigungsauktion ein wenig der romantische und damit menschliche Touch der Anlage verlorengegangen. Genau das, was Benedini erreichen wollte. 

Dass am Ende eben jener Benedini auch das Design des EB110 zu Ende führen musste, ist eine weitere faszinierende Fußnote in der Genesis des EB110. Wie bewertet er heute den Zustand des Werkes, damals ein Epizentrum automobiler Kreativität und Innovation? „Es tut mir leid, dass so wenig für seinen Erhalt getan wird und frage mich, warum die Gruppe, die Bugatti erworben hat, diese Fabrik nicht ebenfalls kauft. Schließlich ist sie ein untrennbarer Teil der Markengeschichte.“ 

Überlassen wir Romano Artioli, der seinerzeit fröhlich mit seinem Fahrrad von Meeting zu Meeting in La Fabbrica Blu fuhr, das letzte Wort: „Die Einwohner von Campogalliano trauern bis heute der Möglichkeit nach, unter solchen Bedingungen arbeiten zu können. Sie kommen einmal im Jahr zu einer Art Gedenkfeier zusammen – und da fließen noch immer Tränen, einfach unfassbar.“

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2019 / Benedini & Partners