Auto Shanghai 2011: Und im Osten die Sonne

Im Osten geht die Sonne auf, im Westen geht sie unter. Diese unbestreitbare astronomische Tatsache kann man natürlich nicht ohne weiteres auf die Automobilmärkte anwenden. Doch ein wenig liegt der Zusammenhang schon nahe, und dies nicht nur, weil am Pressetag der Shanghai Auto Show (19. – 28. April) eine von wenigen Wolken bedrängte Sonne über der chinesischen Stadt liegt, während zum gleichen Zeitpunkt in Europa noch Nachtruhe herrscht.

Vielmehr huldigt die Autobranche in der Millionenmetropole mit einer Vielzahl von Premieren der jetzt schon großen und immer noch wachsenden Bedeutung eines Landes, das mit 1,3 Milliarden die Bevölkerungszahl in Deutschland um das fast 16-fache übertrifft und dessen Automobilmarkt bereits jetzt der weltweit größte ist. Deutsch ist immerhin – zumindest an den Pressetagen – die Fremdsprache Nummer eins auf dem Messegelände. Einmal mehr haben Mercedes, Audi, BMW und Volkswagen für die Autoshow in Shanghai alle Register gezogen. So stellt Audi ein Fahrzeug wie den Q3 nicht in Detroit, Genf oder Frankfurt vor, sondern in China. Der edle Ableger des VW Tiguan ist sogar so etwas wie der Liebling der chinesischen Medien, und dies trotz der Weltpremiere eines VW Beetle und der Konzeptstudie der nächsten A-Klasse.

Die zweite Generation des Beetle schlägt aber trotz der internen Konkurrenz durch den Q3 hohe Wellen. Vor allem deshalb, weil Chefdesigner Walter da Silva es geschafft hat, das Fahrzeug sportlicher als den Vorgänger wirken zu lassen und trotzdem gleichzeitig eine wesentlich größere Ähnlichkeit zum alten Käfer herzustellen. Der neue Beetle zielt damit deutlich auch auf den Mini, der bisher in seinem Segment fast ohne echte Konkurrenz war, sich aber nun etwas wärmer anziehen wird. Das müssen wahrscheinlich auch die Käufer des Beetle Cabrio. Diese Karosserievariante wird für nächstes Jahr erwartet.

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Ihre unangefochtene Meisterschaft bei der Diversifikation einer Modellreihe unterstreicht Porsche mit dem Panamera Turbo S, wobei das Kürzel „S“ im Vergleich zum keinesfalls untermotorisierten Turbo einen Unterschied von 50 PS (auf 550 PS) und knapp 30.000 Euro ausmacht. Mit rund 167.000 Euro markiert dieser Panamera natürlich auch die preisliche Spitze der Sportlimousine. Und da sich die starke Limousine nirgendwo auf der Welt besser verkauft als in China, ist die Wahl der Weltpremiere nicht ohne Grund auf Shanghai gefallen.

Anders als Q3 und Beetle handelt es sich bei der Mercedes A-Klasse noch um ein Konzept. Einige Exaltiertheiten, wie Außenspiegel, Räder oder der Kühlergrill werden noch dem Diktat des Geldes oder der Sicherheit zum Opfer fallen, aber fest steht: Die hier dreitürige A-Klasse legt ihr Opa-Image komplett ab und wird fast zum Coupé, mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen Karosserieform.

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Etwas weniger spektakulär fällt auf den ersten Blick der Auftritt von BMW und Mini aus. Aber das seriennahe Konzeptfahrzeug des M5 mit V8-Motor (560 PS) kommt im elitebewussten China besonders gut an. Auch die in Zusammenarbeit mit Brilliance entwickelte Konzeptstudie eines 5er als Plug-in-Hybrid sieht man im selbstbewussten Reich der Mitte gerne. Und wenn Mini ein Design-Sondermodell Goodwood spendiert, das in Innenraum mit Holz und Leder der Konzerntochter Rolls-Royce aufgepeppt ist und 46.900 Euro kosten soll, so zeugt das ebenfalls von Selbstbewusstsein, das lediglich von der limitierten Auflage (1.000 Exemplare) ein wenig eingebremst wird.

Was haben die anderen Hersteller zu bieten? Nun, vor allem Konzepte, von denen niemand weiß, ob sie jemals in Serie gehen. So etwa der Volvo Universe, ein elegantes Coupé im CLS-Stil auf 4,95 Meter Länge bei 3,00 Meter Radstand, das vielleicht die Richtung des nächsten S80 vorgibt. Ebenfalls gewaltig: Die Crossover-Studie SXC mit Benzinhybrid von Peugeot, die auf 22 Zoll-Felgen ruht.

Kein Konzept, sondern bald bei den Händlern ist der Citroen DS5, der dann als schwer definierbare Mischung aus SUV und Coupé die neue Spitze der französischen DS-Lifestyle-Varianten markiert. Und die Zahl der chinesischen Hersteller mit ihrer Vielzahl von Fahrzeugen mit zumindest theoretisch alternativem Antrieb ist in Shanghai sowieso Legion. Gelacht oder gelächelt wird über die neuen Wettbewerber aus dem Reich der Mitte schon lange nicht mehr. Bald schon werden die Chinesen zum Angriff auf die europäischen Märkte blasen. In Shanghai, so scheint es zumindest, präsentieren sich die deutschen Hersteller dafür aber gut gerüstet.

Text: Peter Eck
Fotos: Audi, Volkswagen, Mercedes-Benz, Volvo