Audi Sport quattro S1

Herr der Ringe

Text & Fotos: Mathias Paulokat

In einer Zeit, als die Marke Audi sich imagemäßig noch in Rufweite zu braven, biederen und betulichen Familienautos aufhielt, sannen die Ingolstädter nach dem „Vorsprung durch Technik“. Mit der Allradtechnologie unter dem Label „quattro“ gelang Audi Anfang der Achtziger Jahre der große Durchbruch. Der 306 PS starke kurze Sport quattro markierte mit seinen 186 Exemplare zu je 195.000 DM den zivilen Leistungsgipfel. Classic Driver präsentiert hier die Wettbewerbsvariante – „das Monster“ mit 476 PS.

Audi et vidi. Höre und sehe! Der Audi Sport quattro S1. Was für ein brutaler Klang, welch martialische Optik. Ein quicklebendiges Ingolstädter Vollblut - eine mit vier Ringen ausgezeichnete Rallye Ikone, die mittlerweile auch schon zu den Youngtimern gezählt werden darf. Baujahr 1985 und damit über 20 Jahre alt ist der markante S1, den die Traditions-Sparte der Marke Audi anlässlich des fünften Motorevivals im Hamburger Stadtpark in voller Montur und mit dem mehrfachen deutschen Rallye Meister Harald Demuth hinter dem Steuer präsentierte.

„In einer Zeit, als es in der Rallye Gruppe B keine Reglementierungen nach oben gab, war dieser quattro ein überaus leistungsfähiges Arbeitsgerät“, so Demuth heute. Mit der Besatzung Blomqvist/Cederberg erlebte der Wagen vom 30. Juli bis zum 1. August 1985 sein WM-Debüt bei der Marlboro Rallye in Argentinien. Demuths Kollege Walter Röhrl erfuhr mit Beifahrer Christian Geistdörfer den ersten Gesamtsieg mit dem Fahrzeug, das wir in Hamburg auf der knapp zwei Kilometer langen Rundstrecke erlebten und in Bildern für Sie einfingen, indem er im Oktober 1985 die italienische Rallye San Remo gewann. Der S1 - im damals noch eher biederen Audi Stall unzweifelhaft der Herr der vier Ringe.

Der Antrieb

Das Motorkonzept klingt nach heutigen Maßstäben wenig spektakulär: In einem recht kleinen Hubraum von gerade einmal 2.110 ccm gehen fünf Zylinder zu Werke. Das ganze in Reihe und von Leichtmetall umgeben. Gewaltigen Druck indes macht ein Turbolader, der vermutlich jeden zeitgenössischen Serienmotor bereits bei einmaligem Hochdrehen in seine Einzelteile atomisieren würde: 476 PS (350 kW) bei hochtourigen 7.500 Umdrehungen je Minute presst der Lader aus den fünf Brennräumen. Bei 5.500 Touren liegen zugkräftige 480 Newtonmeter Drehmoment an. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nur eine Kleinigkeit vielleicht – das Fahrzeuggewicht des S1. Dies liegt bei 1.090 Kilogramm. Das ist wenig. Für ein derart starkes Allradfahrzeug sogar sehr wenig. Zum Vergleich: ein aktueller Audi RS 4 der quattro GmbH wiegt 1.650 Kilogramm. Leer, bei knapp 4,2 Litern Hubraum und acht Zylindern. Seine Eckdaten von 420 PS (309 kW) und 430 Newtonmeter maximales Drehmoment bei ebenfalls 5.500 Umdrehungen künden von kompromisslosem Vortrieb. Im S1 ist das ähnlich, nur eben noch viel extremer. Von 0 auf 100 km/h geht es hier, gut festhalten, in 3,1 Sekunden. Drei Komma Eins. 1985. Und das von Audi. Der Vorsprung durch Technik dürfte hier ganz wesentliche Wurzeln haben.

Das Konzept

Der Sport quattro S1 war die letzte Weiterentwicklung des Rallye quattro und entstand aus der vom Sportreglement gegeben Möglichkeit, in Abständen von mindestens zwölf Monaten neue Evolutionen eines Grundmodells zu homologisieren. Voraussetzung war jedoch, dass mindestens 20 Stück eines solchen Fahrzeugs auf die Räder gestellt wurden. In der zum 1. Juli 1985 homologisierten S1-Version des Sport quattro dachte man nicht nur an Gewichtsersparnis, sondern auch daran, wie man das restliche Fahrzeuggewicht optimal auf das nur 4.240 Millimeter lange Fahrzeug verteilen sollte: Die Macher entschieden sich dafür, alle nur möglichen Aggregate in den hinteren „Kofferraum“ zu verlegen. So findet sich der Motorkühler mit seinen zwei Lüftern, die Lichtmaschine, der Motorölkühler und auch die Batterie hinter den Sitzen. Hierdurch versuchte man, die Nachteile der seriennahen Auslegung - Motor und Getriebe sind vorne eingebaut - gegenüber den rein als Wettbewerbsfahrzeugen konzipierten Mittelmotorautos der gegnerischen Marken aufzufangen. Mit Erfolg, wie die Chronik belegt.

Eine Legende auf vier (Antriebs-)Rädern: Die Ahnenreihe des Audi quattro revolutionierte die Allrad- und Rallye-Welt. Schon im ersten „Lehrjahr“ 1981, als Audi seinen Einstand mit dem permanenten Allradantrieb gab, gelangen drei Siege in der Rallye-Weltmeisterschaftsserie. Und nur ein Jahr später, 1982, sicherte sich Audi die Markenweltmeisterschaft. 1984 konnte diese nochmals eingefahren werden. Die Weltmeisterschafts-Fahrerwertung gewannen auf dem Audi quattro 1983 Hannu Mikkola und 1984 Stig Blomqvist.

Das Design

Markantes Wahrzeichen des S1, auch genannt, „das Monster“, dürfte die vordere Schürze sein, deren Form und Größe nicht von ungefähr an die eines Schneepflugs erinnert. Der Heckflügel ist nicht weniger imposant. Die Bauteile und die ausgestellten Radhäuser mit riesigen Luftscharten hinten waren erforderlich, um mit den höheren Leistungen und den gefahrenen Tempi keine Abflüge zu provozieren. Die Höchstgeschwindigkeiten des S1 waren im übrigen abhängig von der Getriebeübersetzung. Bei der Rallye Monte Carlo lag der Top Speed bei 190 km/h, für Rallyes in Großbritannien und Portugal bei 220 km/h.

Audi Sport quattro S1Audi Sport quattro S1

Soviel Tempo ist in Hamburg nicht möglich. Harald Demuth dreht trotzdem mächtig auf und scheucht den wilden S1 quer durch die Kurven über trockenen Asphalt. Das Endrohr speit Feuer und das Zusammenspiel der Mechanik von Motor und Getriebe krawallt gnadenlos. Separate Getriebeölkühler, die in den hinteren Karosserietaschen der ausgestellten Kotflügel sitzen, sorgen für wohltemperierte Verhältnisse in der Schaltzentrale. Ausgesprochen gierig schlürft das Monster am Sprit. Zwischen 50 und 70 Liter hochoktaner Kraftstoff zünden auf 100 Kilometern in den Brennräumen.

Wahlweise verfügten S1 Rallye Wagen über eine Wasser-Sprühkühlung für die Bremsen. Demuth kommt auch ohne dieses Feature aus und verzögert den 21 Jahre alten Wagen punktgenau in Kurven und Schikanen, läßt ihn fingerbreit an den Strohballen vorbei fliegen. Schnell wird dabei klar, daß der eigentliche Herr der Ringe derjenige ist, der hinter dem Steuer des S1 Platz nimmt und die Legende zu beherrschen weiß.

Die Fakten:

Motor: 5-Zylinder-Leichtmetall-Reihenmotor mit Turbolader und vier Ventilen pro Zylinder
Hubraum: 2.110 ccm
Leistung: 476 PS (350 kW) bei 7.500/min.
Drehmoment: 480 Nm bei 5.500/min
Abmessungen: Radstand: 2.224 mm
Länge: 4.240 mm
Leergewicht: 1.090 kg
Beschleunigung: 0 - 100 km/h in 3,1 Sekunden
Vmax: abhängig von der Getriebeübersetzung, beispielsweise
Monte Carlo: 190 km/h
Portugal und GB: 220 km/h
Verbrauch: 50 bis 70 Liter auf 100 km
Baujahre: 1985 bis 1986




Die Marke Audi in Stichworten

Das Audi Markenzeichen der vier Ringe symbolisiert die Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer, die in der Auto Union zusammengefasst wurden. Auto Union und NSU fusionierten 1969. 1985 entstand aus der Audi NSU Auto Union AG die AUDI AG. Die Sparte Audi Tradition pflegt und präsentiert zusammen mit den beiden Traditionsgesellschaften Auto Union GmbH und NSU GmbH die umfangreiche und weit verzweigte Audi Historie. Zu weiteren Erkundungen lädt das Audi Museum in Ingolstadt von Montag bis Sonntag von 09.00 Uhr bis 18.00 Uhr ein.