Aston Martin One-77: DTM als Vorbild

Überraschung in Genf: Nicht nur ein fertiges Karosseriemodell des kommenden Aston Martin One-77 war auf dem Salon zu sehen, sondern auch die Technik darunter. Als Vorbild für das erste Chassis des britischen Supersportwagens dienten vor allem die Rennwagen aus der deutschen Tourenwagen-Serie DTM.

„Wir wollten ein Automobil entwickeln, bei dem der Blick unter die Karosserie genauso beeindruckt wie das Design selbst.“ Chris Porritt, Verantwortlich für das Entwicklungsprogramm des One-77, steht auf dem Genfer Messestand von Aston Martin und ist sichtlich stolz auf seine beiden Anschauungsstücke. Bisher hatte man das neue Prestigeprojekt der Briten nur in Ausschnitten bewundern können, nun scheint die auf 77 Exemplare limitierte Serienproduktion nicht mehr fern zu sein – und auch technologisch überzeugen zu können.

Aston Martin One-77: DTM als Vorbild Aston Martin One-77: DTM als Vorbild

„Zunächst haben wir überlegt, welche Automobile mit Frontmotor und Heckantrieb momentan technologisch am aufregendsten sind – und haben uns einstimmig auf die Rennwagen der deutschen DTM-Serie geeinigt.“ Nach dem Vorbild der Tourenwagen, die unter einem zivilen Straßenoutfit kompromisslose Rennsporttechnik verbergen, wurde auch das besonders leichte und stabile Karbonfaser-Monocoque-Chassis des One-77 konzipiert und zusammen mit dem Composite-Spezialisten Multimatic MTC im Werk in Gaydon entwickelt. Das Fahrwerk basiert auf Doppel-Querlenkerachsen und einer Inboard-Aufhängung, die alle vertikalen Radbewegungen über Schubstangen auf liegende Dämpfer überträgt. Das Prinzip stammt aus dem Motorsport und hilft, ungefedertes Gewicht zu reduzieren und die Aufhängungselemente effektiver einzusetzen.

Die Dämpfer selbst sind voll verstellbar und – erstmals in einem Straßenauto – mit der Schieberventil-Technologie DSSV (Dynamic Suspension Spool Valve) ausgestattet. Das ebenfalls aus dem Rennsport stammende System ermöglicht es, die Dämpfercharakteristik zu verändern, ohne sie – wie sonst üblich – erst ausbauen zu müssen. Jedem Käufer eines Aston Martin One-77 wird eigens ein Ingenieur zur Seite gestellt, der bei der individuellen Einstellung der Dämpfer assistiert. Je nachdem, ob man den Wagen im Langstrecken-Sport oder auf dem Nürburgring bewegen möchte, erhält die Aufhängung einen eigenständigen Charakter.

Aston Martin One-77: DTM als Vorbild Aston Martin One-77: DTM als Vorbild

Für die Aston-Ingenieure ist das Chassis Nr. 1, das auf dem Genfer Salon zu bewundern war, nicht nur ein technisches Wunderwerk, sondern auch ein ästhetischer Genuss: In der Pressemitteilung werden – ganz unbritisch-emotional – die hypnotisierend glänzenden Strukturen der Karbonfaser-Streben, die abstrakt-skulpturale Schönheit des Trockensumpf-Ölreservoirs und die unfehlbare Präzision der geknüppelten Aluminium-Lager besungen. „Die Ironie will es,“ so der Text, „dass der Großteil dieser exquisiten Komponenten später aus dem Blickfeld verbannt wird.“ Hach, ein Ingenieur hat's schon schwör.

Aston Martin One-77: DTM als Vorbild Aston Martin One-77: DTM als Vorbild

Ebenfalls unsichtbar bleibt der 7,3 Liter V12-Motor, der dank Trockensumpfschmierung ganze 100 Millimeter tiefer sitzt als alle bisherigen Straßen-Zwölfzylinder von Aston Martin – und so einen besonders tiefen Schwerpunkt ermöglicht. Auch die Front-Mittelmotor-Position wurde weiter ausgebaut; das Triebwerk sitzt nun 257 Millimeter hinter der Mittelachse der Vorderräder. Zusammen mit dem Motorenspezialisten Cosworth wurde der 6,0 Liter V12-Basismotor um 25 Prozent verkleinert und gleichzeitig die Leistung auf über 700 PS gesteigert. Die Kraft wird über ein modifiziertes sequentielles Sechsgang-Getriebe auf die Hinterräder gepresst, die mit Pirelli P Zero Corsa Reifen der Größe 335/30 ZR20 bezogen sind. Für die entsprechende Verzögerung sorgen besonders leichte Karbon-Keramik-Bremsen, deren Lüftung grundlegend überarbeitet wurde.

Das Gesamtgewicht von nur 1.500 Kilogramm soll eine Sprintzeit von nur 3,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h ermöglichen. Die Höchstgeschwindigkeit wird auf 322 km/h geschätzt. Genaueres wird man wissen, wenn der Aston Martin One-77 seine Erprobungsphase durchlaufen hat. Ob es beim Kaufpreis von einer Millionen Britischen Pfund (momentan rund 1,2 Millionen Euro) bleibt, lässt Aston Martin weiterhin offen. Die nötigen Begehrlichkeiten haben die Briten mit ihrem Auftritt in Genf jedenfalls erfolgreich geweckt.

Text: Jan Baedeker
Fotos: Aston Martin



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