ADAC Personenschutztraining: Raus aus der Gefahrenzone

Es regnet. Chauffeur Hans K. steuert den schweren S-Klasse Mercedes über die nasse Straße. Im Fond liest sein Chef den Wirtschaftsteil. Immer schön ruhig fahren, nur nicht zu rasant in die Kurven, damit der Vorstand seine Lektüre genießen kann. Eine unübersichtliche Kurve. Und dahinter – ein quer stehendes Fahrzeug blockiert die Fahrbahn, bewaffnete Männer auf der Straße. Hans K. tritt auf die Bremse, mit einem Ruck kommt der Wagen zum Stehen. „Ein Entführungsversuch“, schießt es ihm durch den Kopf. Im nächsten Moment jagt er den Motor hoch, rast im Rückwärtsgang davon. Dann eine schnelle Drehung am Lenkrad, die Limousine kreist 180 Grad um ihre eigene Achse , und schon sehen die Angreifer nur noch die Rücklichter. „Okay, das war gar nicht schlecht, du bist nur viel zu weit rechts gelandet. “ Die Stimme im Funk gehört Heiner Wilhelm, Personenschutz-Trainer der bayerischen ADAC Fahrsicherheitszentren. Keine Terroristen, kein Chef im Fond – trotzdem steht dem Fahrer der Schweiß auf der Stirn. Zwei Tage lang trainieren er und andere Chauffeure einer großen Versicherung beim ADAC Fluchtmanöver, und wie man seinen Wagen auch unter extremsten Bedingungen wie bei einem Terrorangriff sicher aus der Gefahrenzone bringt.

„Bei dieser Übung geht es darum, so schnell wie möglich Abstand zwischen sich und die Angreifer zu bekommen“, erklärt Trainer Wilhelm. Der weiß wovon er spricht. Der ehemalige Militärpolizist war viele Jahre lang beim BKA als Personenschützer und Ausbilder tätig. Unter seinem Schutz standen Prominente und Politiker wie der ehemalige Nato-Generalsekretär Manfred Wörner oder Loki Schmidt, die Frau des SPD Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Jetzt bildet er für den ADAC Fahrer großer Unternehmen aus. „Immer mehr Industriebosse haben die höchste Sicherheitsstufe, deshalb sind die Unternehmen gezwungen, sich um den Personenschutz zu kümmern.“

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Auch die Schleuderplatte hat es in sich. Eine große hydraulische Stahlplatte zieht den Fahrzeugen buchstäblich den Boden unter den Rädern weg, sobald die Hinterachse durch eine Lichtschranke fährt. Sofort bricht das Fahrzeug mit dem Heck aus und rutscht erst einmal wild kreiselnd über den Gleitbelag. Trotz aller Fahrpraxis gelingt es kaum einem der Fahrer auf Anhieb, die Fahrt zu stoppen und den Wagen unter Kontrolle zu halten. Und zu allem Überfluss schießen auch noch Wasserhindernisse aus dem Boden, denen es mit dem bockenden Gefährt auszuweichen gilt. „Mann, das Weiße ist nicht die Lücke, das ist das Hindernis – Asche auf Dein Haupt“, scherzt der Trainer ins Funkgerät.

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Die Cheffahrer sind oftmals ehemalige Polizisten oder Feldjäger. Doch selbst alte Hasen müssen Fahr- und Fluchtmanöver immer und immer wieder trainieren, damit im Ernstfall auch unter Stress und Adrenalin jeder Handgriff sitzt. Wenn die Grundmanöver wie im Schlaf funktionieren, bietet der ADAC auch weiterführende Kurse zum Beispiel im Hochgeschwindigkeitsbereich an.

„Wir fahren doch nicht zum Semmeln holen“, bekommt einer der Fahrer zu hören, der es im Schleichgang beim Elchtest versucht hat. Ungebremst fahren die schweren Limousinen auf ein Hindernis zu, dann Lenker herum, ausweichen und zurück auf die Fahrbahn. „Wer bremst verliert“ ist hier die Devise. Der Chef im Fond wird auch in Zukunft ungestört seine Zeitung lesen können. „Bei mir muss Fahren wie ein schönes Konzert sein“ hat einer der Chauffeure vor dem Training erklärt. Aber gut zu wissen, dass er notfalls auch Rockmusik im Programm hat.

Text & Fotos: Fridtjof Atterdal


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