Lamborghini schickt in der Saison 2007 ein neues Leichtgewicht in den Ring. Der Gallardo Superleggera hat 100 Kilo verloren und kämpft mit einem Gewicht von nur 1330 kg noch aggressiver und wendiger als sein mittelgewichtiger Teambruder. Wir haben den 530 PS starken Newcomer zum Sparring auf den Phoenix International Raceway in Arizona begleitet. Unsere erste Prognose: First Round Knockout!
Es ist noch nicht mal April, doch über dem rissigen Asphalt des Phoenix International Raceway im amerikanischen Wüstenstaat Arizona flimmert die Luft. Das Thermometer zeigt eine Außentemperatur von 92 Grad Fahrenheit – mehr als 33 Grad Celsius. Die Sonne brennt im Zenit, Schatten sucht man vergeblich. Wer bei diesen Bedingungen an Leistungssport denkt, sollte den Hitzekollaps gleich mit einplanen – oder das richtige Sportgerät wählen. Wir haben uns bereits entschieden: Wie ein orangefarben schillerndes Insekt klebt der Lamborghini Gallardo Superleggera auf der Start- und Zielgeraden. Dass es sich um eine ganz besondere Version des erfolgreichen Zehnzylinder-Aggressors aus Sant’ Agata handelt, erkennt man allerdings erst auf den zweiten Blick: Rückspiegel, Heckstoßfänger und Motorhaube bestehen aus ultraleichtem und kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff – kurz CFK, ebenso die Türverkleidungen und der Mitteltunnel im Innenraum. Die hinteren Seitenscheiben und die Heckscheibe sind aus Polykarbonat gefertigt und sparen ebenfalls ein paar Pfunde. Einfacher wird die Identifizierung durch den schwarzen Seitenstreifen mit „Superleggera“-Schriftzug und die neu geschmiedeten Felgen im „Scorpius“-Design. Als Option bietet Lamborghini einen markanten Kohlefaser-Heckflügel, der jedoch ungute Erinnerungen an die Markengeschichte der späten 1980er Jahre weckt. Ein letzter Schluck Gatorade, dann klingelt die imaginäre Ringglocke: „Let’s get ready to rumble!“
Die Reduktion auf das Wesentliche haben sich die meisten Sportwagenhersteller auf ihre Fahnen geschrieben. Lotus setzt schon seit langem auf spartanische Ausstattung und leichte Werkstoffe, Porsche bietet mit dem 415 PS starken und 1375 kg schweren 911 GT3 RS ein beeindruckend puristisches Topmodell für die Elfer-Reihe und auch Ferrari hat mit der nur 1290 kg schweren Sportversion des F360 Modena unter dem Titel „Challenge Stradale“ bereits 2003 neue Standards gesetzt – eine ähnliche Version des aktuellen Ferrari F430 wird spätestens zur IAA im September erwartet. Dass Lamborghini in die Lightweight-Liga einzieht, war also nur eine Frage der Zeit. Mit dem um 10 PS auf 530 PS gedrehten 5-Liter-V10-Triebwerk und einem Leistungsgewicht von 2,5 kg/PS verspricht der Newcomer auch gleich zum Antritt den härtesten Punch seiner Gewichtsklasse: In gerade einmal 3,8 Sekunden sprintet der Gallardo Superleggera aus dem Stand auf Tempo 100 – ganze 0,2 Sekunden schneller als die Basis und 0,4 Sekunden schneller als der Porsche 911 GT3.
Das hätte ich nicht erwartet - bereits in der ersten Kurve zeigt der Lamborghini Gallardo Superleggera seinen neuen Charakter. Derart direkt in der Lenkung, derart hart in der Reaktion, derart direkt und agil am Gas habe ich das Serienmodell nicht in Erinnerung. Auch fahrdynamisch hat der Allradler angezogen – so präzise ließ sich bisher kein Lamborghini durch die Kurven fädeln. Die Subtraktion scheint aufgegangen, die Slimfit-Diät war ein voller Erfolg. Mit Wucht werde ich auf die Gerade katapultiert, schalte in den Dritten, fliege mit gefühlter Mach 3 dem Bremspunkt entgegen, lasse die Keramikscheiben glühen und den Motor beim Herunterschalten aufbrüllen und trete erneut aufs Gas. Die optimierte Motorsteuerung und die besonders leichte Abgasanlage sorgen für teuflischen Vortrieb und höllischen Klang. Der Vierpunkt-Gurt presst mich hart in den CFK-Schalen-Rennsitz, meine Finger krallen sich um das Wildleder-Lenkrad, aus der Klimaanlage bläst mir Polarwind ins Gesicht, während sich draußen die Pirellis mit dem Asphalt vereinen. Das ist Rennsport-Feeling, wie es auf dieser Strecke wohl sonst nur die NASCAR-Piloten erleben dürfen. Einen Sieg nach Punkten können wir dem Lamborghini Gallardo Superleggera jedenfalls schon nach den ersten Trainingsrunden voraussagen.
Auch wenn der Name anderes vermuten lässt – mit den Superleggera-Modellen der legendären Karosserieschmiede Touring hat das Topmodell der Zehnzylinder-Reihe nichts zu tun. Und so spartanisch, wie man es von einem Superleichtbau-Rennwagen erwarten könnte, kommt der Lamborghini Gallardo Superleggera dann doch nicht herüber: Die Schalensitze können auf die Körperdimensionen des Fahrers maßgefertigt werden, die Alcantarabezüge und die Karonähte in Wagenfarbe sorgen wenigstens optisch für Luxus und auf Klimaanlage, Fensterheber und Xenonlicht zu verzichten, kann man heute wohl selbst den härtesten Hunden nicht mehr zumuten. Bei den Optionen muss man sich dann nur noch zwischen den komfortablen eGear-Paddels und der präzisen Handschaltung sowie den vier Superleggera-Farben Arrancio Borealis (orange), Giallo Midas (gelb), Grigio Telesto (grau) und Nero Noctis (schwarz) entscheiden. Wer jenseits der 300 km/h nicht mehr auf die Landkarte gucken möchte, kann den Lightweight-Gallardo zudem auch mit DVD-Navigation bestellen. A propos Geschwindigkeit: Die Vmax hat sich übrigens nicht geändert, das Maximum liegt weiterhin bei 315 km/h.
Zum Abkühlen schicke ich den Lamborghini Gallardo Superleggera in die Wüste. Zwar faucht der Gallardo bei jedem Speed Limit missmutig auf, doch Nordamerika ist der größte Markt für Lamborghini – und nach zwei Dutzend Runden auf dem Raceway kann man auch mal einen Gang höher schalten, ohne die Nerven sofort blank zu legen. Ich lasse das Fenster herunter; trocken-heiße Wüstenluft drängt sich ins Cockpit. Die staubigen Weiten der Prärielandschaften Arizonas machen den Kopf frei für ein Fazit. Über 187.000 Euro kostet das Sondermodell in Deutschland inklusive Steuern, trotzdem ist die Produktion bereits bis ins kommende Jahr ausverkauft – 420 Bestellungen sind seit der Präsentation in Genf eingegangen. Dass der Gallardo Superleggera zwar um 100 kg erleichtert wurde, dabei aber nur 10 Mehr-PS ab bekommen hat, erklärt man bei Lamborghini mit dem hohen Aufwand und geringen Ertrag größerer Leistungssteigerungen – vermutlich soll aber auch Platz für eine noch stärkere Gallardo-Version freigehalten werden, der nach dem Antritt des „Italian Stallion“ Ferrari F430 Challenge Stradale nötig werden könnte. Entsprechend der „Ein neues Modell pro Jahr“-Politik ist für 2008 jedoch erst einmal die passende Lightweight-Version des gewaltigen Lamborghini Murciélago LP640 zu erwarten. Bis dahin wird der neue Gallardo Superleggera seinen Stall und den Meistertitel in der Leichtgewichtsklasse aufs schärfste verteidigen. Die nötige Kraft, Ausdauer und Agilität können wir schon jetzt bescheinigen – doch wie schon Rocky Balboa sagte: „It ain’t over until it’s over!“