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10.08.2001
Vom Winde umweht - Die Geschichte der Kühlerfigur (1)
















Es war Lord Montague of Beaulieu, einer der ersten Autoliebhaber Großbritanniens, der 1899 als Erster eine St. Christopherus-Figur auf den Kühlergrill seines Daimler montierte. Dies eine Erfindung im engeren Sinne zu nennen, ginge allerdings etwas zu weit, denn seit Jahrhunderten ist es in der Seefahrt Brauch, den Bug eines Schiffes mit einer Galionsfigur zu schmücken. Und bereits die alten Römer liebten es, ihre Streitwagen in ähnlicher Weise zu verzieren – „Warum sollten Auto-Enthusiasten es ihnen also nicht gleichtun?“, fragt Reinhard Lintelmann.

Montagues Beispiel machte allerdings nicht sofort Schule, sondern konnte sich erst nach der Jahrhundertwende durchsetzen, als Autos zunehmend populärer wurden. 1906 lies Königin Marguerita von Italien auf den Kühlergrill ihres Itala ebenfalls eine St. Christopherus-Figur montieren. Weniger prominente Autoliebhaber folgten ihrem Beispiel und traten damit bald einen unbeschreiblichen Boom für dieses besondere Accessoire los. Die einzigen bis heute überlebenden Kühlerfiguren sind der Mercedes-Stern, der „Spirit of Ecstasy“ von Rolls-Royce sowie der springende Jaguar auf der Motorhaube des gleichnamigen Autos. Dies sind die letzten Vertreter von mehr als 6000 (!) verschiedenen Figuren, die einst unsere Kühler zierten.
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Kühlerfiguren, die nur für eine einzelne Automarke bestimmt waren, waren vor hundert Jahren noch unbekannt. Die Autoindustrie sah wenig Nutzen in solchen Kinkerlitzchen und überließ die Herstellung solcher Höhenflüge der Fantasie lieber den Zubehörherstellern, wobei der Geschmack damals zwischen Kitsch und Kunst schwankte. Die Hersteller reizten das Prinzip „Nichts ist unmöglich!“ bis an seine Grenzen aus und präsentierten alle möglichen Arten von Vögeln, Löwen, Stieren, Tigern und sogar Schnecken als Miniaturfiguren, zierend den Kühler zu überragen; es gab neben Göttern auch Jäger, Boxer und Skiläufer – die Leute kauften einfach alles!

Besonders in Großbritannien und in Frankreich schoss eine Vielzahl von Firmen aus dem Boden, die sich auf die Herstellung von Kühlerfiguren spezialisierten. Die Firma Lejeune hatte alleine 60 verschiedene Hundefiguren im Angebot. Und in Großbritannien bot Desmo den Autobesitzern ihre Kühlerfiguren per Versandhandel an. Die Firma stellte außerdem individuelle Figuren nach den Wünschen der Kunden her.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Werbefachleute auf den Plan traten. Aus deren Perspektive war der Kühlergrill ein idealer Platz für Werbung im kleinen Maßstab, denn Autos waren damals noch eine Seltenheit und zogen entsprechend viel Aufmerksamkeit auf sich.

Die Werbebranche brachte bald eine ganz neue Palette von Kühlerfiguren auf den Markt – einige origineller als andere – die die Vorzüge von Ölproduzenten, Lampenherstellern, Reifenfirmen, Streichholzherstellern und einer großen Zahl von Autozulieferern priesen. Ärgerlich war nur, dass nicht jeder Autofahrer geneigt war, mit Werbung für irgendwelche Firmen herumzufahren.

Die Autohersteller, die dieser Entwicklung anfangs noch die kalte Schulter gezeigt hatten, sahen die ganze Sache nun mit anderen Augen. Besonders Rolls-Royce wollte nicht länger untätig zuschauen, wie die Kühler ihrer Luxuskarossen durch diesen grotesken Kitsch entweiht wurden. Die Firma beauftragte deshalb den bekannten Maler und Bildhauer Charles Sykes, die ‚Silver Lady’ zu schaffen, die noch heute jeden Rolls-Royce-Kühler ziert.

Diese Figur, offiziell „Spirit of Ecstasy“ genannt, wurde bereits 1911 eingeführt. Aber es dauerte dann doch noch ziemlich lange, bis auch andere Autohersteller dem Beispiel von Rolls folgten und renommierte Künstler mit dem Entwurf von exklusiven Kühlerfiguren für ihre Modelle beauftragten.

Einer dieser Künstler war Francois Bazin, dessen ‚Fliegender Storch’ (La Cigogne) die Kühler von Hispano Suiza schmückte (die spanische Marke Hispano Suiza produzierte zwischen 1904 und 1924 diverse Luxuswagen). Leider haben nur wenige Originale des eleganten Storchs mit den fließenden Linien überlebt.

Ein weiteres, sehr spezielles Stück Kühlerkunst war der tanzende Elefant, der auf Ettore Bugattis Traumauto zu finden war, dem mit 16 Zylindern ausgestatteten „Royal“. Ettore Bugatti war zwar ein begnadeter Autobauer, aber der silberne Elefant war nicht seine Schöpfung, sondern ein Entwurf seines Bruders Rembrandts, des Künstlers. Kenner werden wissen, dass Rembrandt Bugatti um 1905 bereits mehrere Dutzend Tierskulpturen geschaffen hatte. Der tanzende Elefant allerdings gelangte erst lange nach seinem Tod auf den Kühler dieses Wagens.

Von einer Jungfrau mit Flügeln und einem Lenkrad in ihren ausgestreckten Händen (Packard, USA) bis hin zu einem rothäutigen Indianerhäuptling aus durchsichtigem Plastik (Pontiac, USA) – der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. In einigen Fällen ergab sich die Art der Figur aus dem Markennamen, das beste Beispiel hierfür ist die springende Raubkatze von Jaguar. Die Jaguar-Figur wurde Mitte der 30er-Jahre von einem der führenden britischen Hersteller von Kühlerfiguren, Desmo, für die Modelle SS 80 und SS 100 entworfen. Allerdings gibt es größere Unterschiede zwischen dieser Version der schnellen Großkatze und den Versionen, die seit dem Zweiten Weltkrieg produziert wurden: Die Originalversion war sehr viel größer und wesentlich detaillierter, während die Nachkriegsversionen zunehmend schlichter gehalten wurden.

Den zweiten Teil dieser Reportage finden Sie ab nächstem Freitag, dem 17. August auf Classic Driver...

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