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15.12.2000
Mercedes-Benz 500K
Roter Mythos vergangener Zeiten











































In den tiefsten Tiefen der Archive von Mercedes﷓Benz fand sich ein längst vergessenes Schriftstück, das das überschwängliche Design dieses Roadsters in einen nautischen Zusammenhang stellt. Auch diese Beschreibung ist ein interessantes Beispiel für den Versuch, wegweisende Produkte für eine schöne neue Welt am Reißbrett zu entwerfen. So wurde im Jahr 1934 vermerkt: "Die Linienführung des 500 K soll die Wiedergeburt der deutschen Flotte symbolisieren. Der Kühler steht für den Bug eines Schiffs, die Kotflügel stellen die Wellen dar, die den Schiffskörper umspielen. Achtern erinnert der Mercedes mit seinem abgeflachten Heck an ein Kanonenboot".

Trotz dieser schwülstigen Assoziationen ging das 1934 im nicht wirklich küstennahen Sitz von Mercedes﷓Benz in Süddeutschland erdachte maritime Design wie eine Woge um die Welt - allerorten man war von den längsten Kotflügeln aller Zeiten begeistert. In einer wahren Blechorgie schwingen sich diese in einer langgezogenen Wellenlinie elegant von den Vorderrädern hinab, wobei sie durch eine helle, glänzende Zierleiste betont werden. Das gesamte Erscheinungsbild sowie die Abmessungen des Mercedes 500 K entsprachen exakt der amerikanischen Vorstellung von Luxus: Eine Länge von fünf Metern, ein Gewicht von gut zwei Tonnen, und all dies für den Transport von nur zwei Personen - ungemein stilvoll, versteht sich.
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Diese etwas unausgewogenen Proportionen sowie ein Basispreis von 22.000 Reichsmark wirkten sich natürlich auf die Verkaufszahlen aus. Dennoch wurden zwischen 1934 und 1936 354 Exemplare der beiden Modelle Roadster Spezial und Roadster Sport gefertigt. Dieses elegante Fahrzeug hat sich im Laufe seiner Geschichte in den verschiedensten Umgebungen hervorragend gehalten. So gewannen beispielsweise zwei 500 K-Modelle Goldmedaillen in der 2000 Kilometer langen Deutschlandrundfahrt von 1934. Einer der Fahrer war damals der junge Rudolf Uhlenhaut, 20 Jahre bevor er Juan Manuel Fangio zum Weltmeister machte. König Khasi der Erste (und letzte) von Irak hatte ebenfalls einen Ehrenplatz in der vertraulich behandelten Liste der prominentesten Kunden des Herstellers. Und im von Daimler-Benz geführten Verzeichnis der offiziellen Service-Fahrzeuge taucht ein von Rudolf Caracciola gefahrenes 500 K Coupé auf. Unvergeßlich bleiben aber vor allem die unzähligen schönen Frauen, die bei einem der zu jener Zeit beliebten Concours d'Elegance mit einem 500 K Roadster Spezial zum Sieg fuhren, allen voran die Gewinnerin von Cannes im Jahre 1936, Prinzessin Cherwachidze.

Der auf diesen Seiten abgebildete rote Roadster Spezial verbrachte die Blüte seiner Jahre im Exil, außerhalb des Machtbereichs der Faschisten. Er war 1936 von dem argentinischen “Büchsenkönig" Miguel Abreu gekauft worden, der trotz oder vielleicht gerade wegen seiner kleinen Statur von großen Autos begeistert war. Bei der Karosserie handelt es sich um eine für die unerhebliche Summe von 28.000 Reichsmark gebaute Sonderanfertigung mit zwei hintereinander liegenden Sitzreihen und ohne den Kofferraumnotsitz oder den Verdeckkasten für das Faltdach. Der Schönwetter-Viersitzer erreichte in Südamerika ein hohes und schließlich auch rostiges Alter. 1970 erwarb das Mercedes-Benz-Museum den Wagen, der mittlerweile kaum mehr als ein Wrack war, und restaurierte ihn als klassischen Roadster mit zwei Reservesitzen.

Dieses Schmuckstück der Automobilgeschichte hat heute den Wert einer ansehnlichen Villa mit weitläufigem Grundstück, gepflegtem Waldbesitz und allem, was sonst noch so dazugehört. Dennoch zählt das Auto noch lange nicht zum alten Eisen: Ein roter Roadster dieses Kalibers, mit der jugendlichen Frische von 58 Jahren, ist mehr denn je ein Vorzeigeobjekt - genau darin war er schließlich lange Zeit in seiner Klasse unerreicht.

Wenn man diesen Wagen fährt, liegt das Besondere weniger in seiner Leistung als vielmehr in seinem in sich schlüssigen Design. Auch beim Mercedes Roadster von 1936 machen gerade die Widrigkeiten des Fahrens ohne Dach die Erfahrung des Luxusautomobilisten aus. Das Cockpit ist Sonne, Wind und Regen ausgesetzt, in mehr oder weniger gleichen Teilen. Es gehört einfach zu einer Art von unausgesprochenem Ehrenkodex, die in den Kofferraum verbannten Aufsteckfenster niemals einzusetzen und unter gar keinen Umständen das Faltdach zu schließen - ausgenommen natürlich bei Wolkenbrüchen.

Nur so kommt die Windschutzscheibe, eine einzigartige Mischung aus Eleganz und Kühnheit, voll zur Geltung. Die zweigeteilte Scheibe ist auf einen dünnen Chromrahmen aufgesetzt, so dass die Oberkante der Glasfläche völlig frei liegt - ein Element, das diesem wundervollen und enorm schwerem Wagen eine faszinierende Leichtigkeit verleiht. Vom Cockpit aus gesehen, scheint man über eine randlose Brille hinauszuschauen. Dieses freie Blickfeld bietet sich in keinem anderen Cabrio. Der Kühlerstern ist vom Himmel nur durch diese nahezu unsichtbare Linie der Glaskante getrennt. Es waren glorreiche Zeiten, als kein Mensch an Sonnenblenden, schlagsichere Windschutzscheiben und, vor allem, an stabile Überrollbügel dachte.

An schönen Tagen bietet der Roadster eine herrlich weite und offene Aussicht durch die Windschutzscheibe. Wenn es regnet, holt uns jedoch die veraltete Technologie des 500 K ein. Winzige Scheibenwischer verrichten vor meinen Augen ihre langsame und äußerst ineffiziente Arbeit - sie erinnern an warnend erhobene Zeigefinger, die den Halt in der nächstgelegenen Garage anmahnen. Diese Botschaft wird noch durch ein paar vereinzelte Regentropfen unterstrichen, die an der Windschutzscheibe nach oben wandern, um schließlich mit erschreckender Präzision genau in meinem linken Auge zu landen.

Doch dies ist nicht der einzige Punkt, der den glanzvollen Eindruck des alten Roadsters aus den Anfängen der Automobilgeschichte etwas trübte. Als ich mich bei Tempo 100 gerade der trügerischen Sicherheit hingab, mit dem Wagen eigentlich ganz gut zurechtzukommen, da belehrte mich der schlaue alte Roadster eines Besseren. Sein etwas zweifelhafter Geradeauslauf, den man all die Jahre euphemistisch als stabile Straßenlage bezeichnet hatte, wurde mit jedem zurückgelegten Meter immer noch zweifelhafter. Mich beschlich der Verdacht, dass mein ehrwürdiger Freund mir gnädigerweise die Gelegenheit geben wollte, an die Seite zu fahren und mich mit einer jener Reifenpannen zu beschäftigen, wie sie, den Anekdoten unserer Väter zufolge, vor 60 Jahren an der Tagesordnung waren.

Auf diese Weise erinnerte der in die Jahre gekommene Roadster mich, den blutigen Anfänger, an meine Verantwortung als Fahrer. Es ist nämlich alles andere als einfach, acht Zylinder mit einem Hubraum von fünf Litern zu lenken, vor allem, wenn man den Luftwiderstand bedenkt, der in punkto Verzögerungsverhalten den hydraulischen Trommelbremsen, welche die 17-Zoll-Räder vollständig ausfüllen, in nichts nachsteht. Auch was wir heute als Querbeschleunigung in Kurven bezeichnen, wirkt sich hier ganz anders aus: Damals hatte man es statt mit Seitenbeschleunigung vielmehr mit der Gefahr unkontrollierter Fahrzeugdrehungen zu tun.

Die bevorzugte Umgebung des eleganten Mercedes 500 K-Sportwagens sind zweifellos lange Geraden ohne Kurven. Denn hier kann sich die unglaubliche Aufladung dieses einzigartigen Kompressors - daher das K in der Modellbezeichnung - voll entfalten. Normalerweise verhält sich dieses riesige Meisterwerk der Technik mit seinem Abstand von einem ganzen Meter zwischen dem ersten und dem achten Zylinder sowie seiner Gesamtmasse von 600 Kilo Gusseisen ganz manierlich und hält seine 100 PS vornehm zurück. Ein entschiedener Tritt auf das Gaspedal genügt jedoch, um eine ganz andere Seite dieses Fahrzeugs zum Vorschein treten zu lassen. Der Kompressor heult auf wie ein Rudel Wölfe, wenn er seinen Ladedruck von 160 Pferdestärken auf 1200 U/min bringt. Dieses unwirkliche Heulen stellt alles in den Schatten, was andere gut eingestellte Dieselmotoren zu bieten haben. Es ist derart faszinierend und berauschend, dass es eigentlich per Gesetz verboten sein müßte. Ein amerikanischer Kenner bezeichnete diesen unnachahmlichen Klang denn auch - durchaus treffend - als den “Schlachtruf der Walküre”.

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MERCEDES- BENZ Personenwagen 1886 - 1986.

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