Norman Foster lässt Buckminster Fullers Dymaxion auferstehen

It’s a Bird, it’s a Plane: 1933 konstruierte der visionäre amerikanische Erfinder Buckminster Fuller das Dymaxion-Auto – eine tropfenförmige Chimäre aus Dreirad, Bus und Zeppelin. Das Gefährt stand am Anfang einer sozialen Revolution, doch nur drei Prototypen wurden gebaut. Der britische Star-Architekt Sir Norman Foster hat das utopische Konzept nun fortgesetzt.

Erfinder, Architekt, Designer, Ingenieur, Mathematiker, Futurist, Leichtbau-Pionier, Technik-Prophet, Umweltaktivist und Weltenretter – Richard Buckminster Fuller einzuordnen, fällt nicht leicht. Heute ist „Bucky“, wie Fuller von Freunden und Verehrern genannt wurde, vor allem für seine geodätischen Kugelbauten bekannt. Das berühmteste Gitterbauwerk war 1967 auf der Weltausstellung in Montréal zu sehen. Doch Fuller experimentierte auch auf dem Feld der Mobilität. Anfang der 1930er Jahre entwickelte er ein wahrhaft revolutionäres Gefährt: Das Dymaxion-Auto war sechs Meter lang und stand auf nur drei Rädern – über die zwei Vorderräder wurde die Kraft auf die Straße gebracht, mit dem einzelnen Hinterrad gelenkt. Als Vorbild dienten die Bewegungsmuster von Fischen und Vögeln. Die Leistung generierte ein 86 PS starker Ford-Motor im Heck. Fullers Dymaxion sollte elf Passagiere mit bis zu 190 km/h transportieren und dabei keine acht Liter Benzin verbrauchen. Die ungewöhnliche Fahrwerksarchitektur machte es zudem möglich, das Fahrzeug praktisch auf der Stelle um 180 Grad zu drehen. Langfristig sollte das Dymaxion nach Fullers Vorstellungen sogar das Fliegen lernen.

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Das Konzept war seiner Zeit weit voraus, doch ein tragischer Unfall bei der Weltausstellung von 1933 in Chicago, bei dem drei Personen ums Leben kamen und das Dymaxion-Auto fast zerstört wurde, machten Fullers Pläne einer Mobilitätsrevolution vorerst zunichte. Obwohl die Investoren von einst das Projekt verließen, wurden mit Unterstützung von Henry Ford noch zwei weitere Prototypen gebaut, von denen nur ein Exemplar bis heute überlebt hat. Dieses Dymaxion #2, das im Nationalen Automobilmuseum in Nevada ausgestellt wird, diente nun dem britischen Architekten und Automobilsammler Sir Norman Foster als Grundlage für eine Fortsetzung der bis heute visionären Idee. Foster, der von 1971 bis 1983 mit Fuller zusammen gearbeitet hatte, präsentierte sein Dymaxion #4 nun im Rahmen der Buckminster-Fuller-Retrospektive Bucky Fuller & Spaceship Earth in Madrid.

Die aufwändige, 18-monatige Konstruktion wurde beim englischen Restaurationsspezialisten Crosthwaite and Gardiner durchgeführt – normalerweise rekonstruieren die Ingenieure historische Rennwagen von Auto Union und Mercedes-Benz. Als Vorlage dienten Zeichnungen des dritten Dymaxion-Autos aus dem Archiv der Universität von Stanford sowie das erhaltene Exemplar aus Nevada. In einem Interview berichtete der Restaurator Phil King: „Das Dymaxion war mit nichts zu vergleichen, was ich jemals zuvor gesehen habe. Eigentlich musste man zunächst alles vergessen, was man über Automobiltechnik wusste, um anschließend zu verstehen, wie es funktioniert.“ Wie schon beim ersten Prototyp wurde die Aluminium-Karosserie von Hand hergestellt, grün-weiß lackiert und anschließend rückwärts auf das Chassis eines Ford Tudor Sedan von 1934 gesetzt. Als Antrieb dient ein Achtzylinder von Ford, die Steuerung erfolgt wie im Original über das Hinterrad.

„Das Dymaxion zu fahren ist eine Offenbarung“, berichtete Sir Norman Foster der englischen Zeitung The Guardian nach einer ersten Probefahrt. „Bei niedrigen Geschwindigkeiten lässt sich das Gefährt beinahe wie ein Kreisel drehen, während es bei schnellerer Fahrt außerordentlichen Komfort bietet – mehr wie ein Boot als ein Automobil.“ Die Ausstellung Bucky Fuller & Spcaeship Earth ist noch bis zum 30. Oktober 2010 in der Galerie Ivorypress Art + Books in Madrid zu sehen. Parallel ist bei Ivorypress ein umfangreicher, zweisprachiger Bildband erschienen, der die Geschichte des Dymaxion und die Rekonstruktion durch Norman Foster anhand zahlreicher Dokumente nachzeichnet.

Text: Jan Baedeker
Fotos: Foster + Partners/ Ivorypress


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